Hybrid-OP am Herz- und Kreislaufzentrum Rotenburg: Herzklappen-Ersatz mit Schlüsselloch-Chirurgie

Operation am schlagenden Herzen

Das Team am OP-Tisch hat die großen Monitore im Blick: links verdeckt Dr. Köhler, davor Dr. Abt, beide sind Kardiologen, von rechts Schwester Lisa und Dr. Graff, Kardiochirurg. Insgesamt umfasst das Team, das im OP-Raum tätig ist, elf Personen. Fotos: Schankweiler-Ziermann

Rotenburg. „Das A und O ist die richtige Positionierung der Klappe“, sagt Dr. Andreas Kayß und zeigt im hochmodernen Hybrid-OP des Herz- und Kreislaufzentrums auf die beiden überdimensionierten Bildschirme rechts und links der Patientin. Sie ist 81 Jahre alt und soll eine künstliche Herzklappe, eine Aortenklappe bekommen, weil ihre eigene verkalkt ist und nicht mehr richtig öffnet.

Auf den riesigen Monitoren haben Dr. Kayß, die beiden Kardiologen Dr. Henning Köhler und Dr. Bernd Abt sowie Kardiochirurg Dr. Jürgen Graff alle wichtigen Daten wie EKG, Blutdruck und vor allem Ultraschall, CT-Aufnahmen und Röntgenbild vor und während der OP im Blick, um die Klappe optimal platzieren zu können.

Die Patientin bekommt zwei Katheter durch die Arterie und die Vene, links und rechts in der Leiste geschoben. Bei der Vorbereitung der Löcher ist kaum Blut geflossen, und die Fäden zum späteren Zusammennähen wurden schon vorgelegt. Immer wieder machen die Kardiologen Röntgenaufnahmen, um die richtige Position der Katheter zu kontrollieren. „Wir präparieren den Weg in die Gefäße“, erklärt Dr. Abt.

Es wird eine Herzschrittmacher-Sonde gelegt, mit der Kardiotechniker Markus Rösner den Herzschlag nach Bedarf regeln kann. Eine Viertelstunde ist vergangen, bis die Katheter an der defekten Klappe ankommen.

CT dreht sich um Patientin

Während die neue Klappe vorbereitet wird (Fotos unten), dreht sich das Rotations-CT um die Patientin. Mit geringem Einsatz von Kontrastmitteln wird ein dreidimensionales Modell der Herzschlagader, also der Aorta, erzeugt. An diesem orientiert sich das Operationsteam, um etwas später die neue Herzklappe exakt einsetzen zu können.

Die Patientin atmet ruhig in Narkose, während ihre eigene Herzklappe mit einem Ballonkatheter aufgesprengt und an die Gefäßwand gedrückt, also außer Funktion gesetzt wird.

Gleich darauf ist der spannendste Moment gekommen: Der kleine Ring, der die neue Klappe zusammenhält, wird zurückgezogen, das Netzgeflecht samt der drei kleinen Taschen entfaltet sich. Jetzt muss die Klappe exakt sitzen.

Mit viel Fingerspitzengefühl wird hier gearbeitet, rasch, ruhig und mit höchster Konzentration. Im Ultraschall auf dem Monitor ist das Drahtgeflecht genau zu erkennen, Es drückt sich gegen die Aortenwand und ersetzt jetzt die eigene Herzklappe der Patientin. Farblich dargestellt wird im Ultraschall auch, wenn die Klappe nicht ausreichend dicht sein sollte, was bei etwa drei von 100 Eingriffen vorkommt. Dann kann eine zweite Aortenklappe nachgeschoben werden. Gibt es in etwa ein Prozent der Fälle ein Problem, das eine konventionelle Operation mit Öffnung des Brustkorbs erfordert, steht das Team samt Herz-Lungen-Maschine bereit, die beiden OP-Schwestern Kerstin und Helga sind sowieso schon vor Ort.

Zwei- bis dreimal pro Woche werden im Hybrid-OP Patienten operiert, so erklärt PD Dr. Ardawan Rastan, Chefarzt der Herz- und Gefäßchirurgie. Meist sind es ältere Patienten, der bisher älteste mit neuer Aortenklappe war 93 Jahre alt.

Gerade für die älteren ist die OP übers „Schlüsselloch“ viel schonender als am offenen Herzen. Denn während bei letzterer der Brustkorb eröffnet werden muss und die Herz-Lungen-Maschine vorübergehend die Aufgabe des Herzens übernimmt, also den Blutkreislauf aufrechterhält, operiert man im Hybrid-OP am schlagenden Herzen. Eineinhalb bis zwei Stunden dauert der Eingriff im Hybrid-OP in der Regel, sagt Dr. Rastan.

Der Aortenklappen-Ersatz mit Zugang über die Leisten ist nur eine Möglichkeit. So nimmt etwa Dr. Graff als Kardiochirurg den Eingriff auch über die linke Brustwandseite vor. Dann wird der Katheter über die Herzspitze geführt.

Die 81-jährige Patientin wird voraussichtlich nach einem Tag Intensivstation schon wieder mobil sein.

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

Quelle: HNA

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