Zeitzeuge Walter Hassenpflug berichtete über Bombenangriffe und Familienschicksale

Nacht überm Zellersgrund

Komplett zerstört: Nach dem Bombenangriff vom 21. November 1944, den Walter Hassenpflug am eigenen Leibe mit- und möglicherweise gerade deshalb, weil sich sein Vater mit seinem ganzen Körper schützend über ihn geworfen hatte, überlebte, war nichts mehr übrig vom Doppelhaus Friedloser Straße 27/25. Hassenpflugs wohnten in der rechten Haushälfte. Der Eingang ist mit einem roten Punkt gekennzeichnet. Foto:  nh

FRIEDLOS. Wie es ist, wenn plötzlich zwölf „Fliegende Festungen“ auf einen zufliegen, wenn Bomben von Himmel rauschen, wenn man sich in höchster Not auf den Boden wirft, wenn es „rabenschwarze Nacht“ um einen wird, das schilderte der 81-jährige Walter Hassenpflug bei einer Veranstaltung des SPD-Ortsvereins Friedlos/Reilos. Er erinnerte an den alten Zellersgrund, an die auf den Bad Hersfelder Stadtteil geflogenen Luftangriffe und Einzelschicksale.

Hassenpflug erzählte, wie er bei dem Angriff wahnsinnige Schmerzen verspürte und irgendwie gerettet wurde. Acht Tage später erfuhr er, dass seine Eltern und fünf Menschen, die ihm nahe standen, bei eben diesem Bombenangriff ums Leben gekommen waren.

Im großen Saal des Bürgerhauses Friedlos nahm der 1932 in der Friedloser Straße 25 in Hersfeld geborene Hassenpflug seine vielen Zuhörer zunächst mit in seine Jugend. Er beschrieb sie als sorglos und „abwechslungsreich“, denn im damals noch weitgehend unbebauten Zellersgrund und insbesondere da, wo Hassenpflugs unterhalb des heutigen Lidl-Marktes wohnten, war immer was los. Reichsbahn und Reichsstraße führten vorbei, das Gas- und das Wasserwerk, das Kornhaus und mehrere Sägewerke boten interessanten Anschauungsunterricht.

Mit Akribie und überaus interessanten historischen Fotos erläuterte Hassenpflug, wie sich die Ausflugslokale „Felsenkeller“ und „Waldschänke“ entwickelten und wie im eigentlichen Zellersgrund ein Kriegsgefangenenlager für Polen, Franzosen und Russen eingerichtet wurde, in dem später auch sogenannte Zivilarbeiter untergebracht waren. Aus eigener Anschauung berichtete er, wie die in der Landwirtschaft eingesetzten Kräfte trotz offizieller Nicht-an-einem-Tisch-Anordnung im Großen und Ganzen gut und die bei Schilde arbeitenden Russen „saumiserabel“ behandelt wurden. Dass die Nazi-Schergen keine Gnade kannten, wurde ihm im Alter von zehn Jahren vor Augen geführt, als er aus nächster Nähe miterlebte, wie ein polnischer Zivilarbeiter wegen verbotener sexueller Kontakte zu einer Deutschen in Anwesenheit seiner Kameraden gehängt wurde.

In bewegender Art und Weise schilderte Hassenpflug, wie der im September 1944 über Friedewald abgeschossene amerikanische 1st Lieutenant Frank J. Bertram, der sich bis zu den Friedloser Solzwiesen durchgeschlagen hatte, beim Einsammeln abertausender Flugblätter entdeckt und gefangengenommen wurde. Dieses Ereignis war lange nach Kriegsende Auslöser für Hassenpflugs Aufarbeitung des entsprechenden Luftkampfs, für die von ihm in die Wege geleitete Begegnung der ehemaligen Gegner und für sein Engagement für Versöhnung.

Elendiglich verstümmelt

Sehr eindrucksvoll war auch sein Bericht über den Jagdbomberangriff im März 1945 auf einen unterhalb der „Eisernen Brücke“ abgestellten Zug, in dem Truppen herangeführt worden waren, die sich den aus Richtung Alsfeld nähernden amerikanischen Verbände entgegenstellen sollten: „Ich habe bis heute nicht vergessen, wie die deutschen Soldaten über die Friedloser Straße flüchteten, wie sie am Hang Schutz suchten und wie viele elendiglich verstümmelt wurden!“

Immer ehrlich, verschwieg Hassenpflug bei seinem Vortrag nicht, dass viele junge Leute noch 1943 freudestrahlend zur Einberufung gegangen seien und dass auch er es als Zwölfjähriger „fast nicht abwarten“ konnte in den Krieg zu ziehen, ehe er in einem zweiten Teil auf weitere Einzelschicksale einging und seinen sichtlich beeindruckten Zuhörern das Grauen des Krieges vor Augen führte.

Von Wilfried Apel

Quelle: HNA

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