„Gemeinschaft ist Zukunft“

Montagsinterview: SVR-Ehrenvorsitzender Norbert Staske über Vereinspolitik

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Zweite Heimat: Norbert Staske, der Ehrenvorsitzende des SV 1914, vor dem Sporthaus am Wittich. Seit 1958 gehört Staske dem Verein und fast genauso lange dem Vereinsvorstand an. Schon mit 50 Jahren wurde er Ehrenvorsitzender. Diese Wahl hat ihm damals nicht gepasst, viel zu früh sei sie gekommen. Heute sagt er schmunzelnd: "Das Gute daran ist, dass Ehrenvorsitzende nicht abgewählt werden können. Die können nur sterben."

Rotenburg. Der SV 1914 Rotenburg feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Wir sprachen mit dem Ehrenvorsitzenden Norbert Staske über die Zukunft von traditionsreichen Vereinen in Zeiten zurückgehender Bevölkerungszahlen, über Spielgemeinschaften, Vereinsmeierei und über Probleme bei vereinseigenen Anlagen.

Herr Staske, wird der SV noch sein 125. Jubiläum feiern können? 

Staske: Es wird immer schwerer, den Verein von einem Jahr zum anderen zu bekommen. Das Hauptproblem ist, Mitarbeiter für den Jugendbereich und den Vorstand zu bekommen. Bei den ganz Kleinen, den Bambini, läuft das sehr gut. Da machen Eltern und Großeltern prima mit. Aber wenn die Kinder so zehn, zwölf Jahre alt sind, ziehen sich viele zurück und sagen: Verein, mach mal, wir zahlen schließlich Beiträge.

Aber mit den Beiträgen allein ist wohl kein Blumentopf zu gewinnen. 

Staske: Auf keinen Fall. Die sind so gering Kinder bis 14 Jahre zahlen monatlich 2,50 Euro damit kommt man nicht weit. Das reicht kaum für die laufenden Kosten und schon gar nicht für Investitionen. Deshalb sind wir froh, dass wir Sponsoren haben, die wenigstens für Trikots und Trainingsanzüge sorgen. Einen Förderverein haben wir auch nicht. Aber zum Glück ein paar Rentner, die uns aus Verbundenheit monatlich zehn Euro zahlen.

Dennoch leistet sich der Verein die eigene Sportanlage am Wittich. Wie funktioniert das? 

Staske: Das ist unser ganz großes Problem. Die können wir an sich gar nicht mehr halten und denken hier nur noch von Jahr zu Jahr. Fast all unser Geld fließt in die Anlage, sollte aber eigentlich für den Spielbetrieb eingesetzt werden. Wir haben jährlich zwischen 12 000 und 14 000 Euro laufende Kosten, ohne immer wieder notwendige Investitionen. Natürlich würden wir den Platz gern an die Stadt abgeben. Aber die Stadt hat auch kein Geld, hilft uns jedoch, so gut es geht, mit Zuschüssen für die laufenden Kosten.

Zurück zum Fußball: Der traditionsreiche SV ist eine Spielgemeinschaft mit dem SC Lispenhausen eingegangen. Das muss doch etliche Mitglieder bis ins Mark getroffen haben. 

Staske: Das stimmt. Anfangs waren fast alle Mitglieder dagegen. Das geht auf alte sportliche Rivalität zurück. Aber je mehr man sich mit dem Thema befasst hatte, desto besser lief es dann. Die Vereine geben ja ihre Eigenständigkeit nicht auf. Optimiert wird nur der Spielbetrieb, die Kosten können verteilt werden. Die Spielgemeinschaft ist der richtige Weg, davon bin ich überzeugt. Wir arbeiten hervorragend mit dem SCL zusammen. Auch die Kameradschaft passt. Wir haben alles richtig gemacht. Und ich bin sicher, dass wir später auch mit anderen Vereinen in den Stadtteilen zu einer Spielgemeinschaft werden auch wenn es jetzt keiner hören will. Aber der demografische Wandel trifft uns alle.

Sie haben den demografischen Wandel angesprochen. Aber gerade im Jugendbereich läuft es doch beim SV gut. 

Staske: Wir haben die Jugendarbeit nie vernachlässigt und immer hochklassig in Hessen gespielt seit Jahren in einer Jugendspielgemeinschaft mit dem TV Braach, seit zwei Jahren zusätzlich mit dem SC Lis-penhausen. Das hat sich langfristig auch im Seniorenbereich ausgezahlt, weil wir dadurch in den Spielklassen nie ganz nach unten durchgereicht wurden so wie andere Vereine. Unser Problem ist, dass die guten Fußballer nach der Jugend die Region verlassen. Die schlauen Köpfchen gehen studieren und sind dann für uns verloren.

Der SV hat keinen klassischen 1. Vorsitzenden, sondern ein Führungsteam von vier Leuten. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden? 

Staske: Den 1. Vorsitzenden wollte einfach keiner mehr machen, weil zu viel Arbeit an einer Person hängt. Deshalb haben wir uns für die Arbeitsteilung entschieden: Ich bin für den sportlichen Bereich zuständig, Dieter Kollmann für den finanziellen, Michael Barborseck kümmert sich um die Mitglieder, und Philipp Grenzebach repräsentiert den Verein nach außen. Das hat sich so gut bewährt, dass schon einige Vereine unser Modell nachmachen wollen. Darüber hinaus haben wir noch einen Stamm von etwa 20 Mitgliedern, auf den wir immer bauen können, sie setzen sich für ihren Verein zum Teil seit Jahrzehnten ein.

Was macht den SV 1914 aus? 

Staske: Der SV 1914 macht Rotenburg ein Stück lebens- und liebenswerter.

Von Silke Schäfer-Marg

Quelle: HNA

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