Mit Leidenschaft für Abseitiges: Kabarettist Jess Jochimsen in Ellis Saal

Vier Kerzen für ein Halleluja: Jess Jochimsen ließ in seinem Jahresendzeitprogramm in Ellis Saal die vergangenen Monate geistreich und hintersinnig Revue passieren. Foto: Apel

Weiterode. Ein Jahr voller ARD-Brennpunkte bot dem Kabarettisten Jess Jochimsen am Wochenende in Ellis Saal genug Anstöße für sein hintersinniges Programm.

Jess Jochimsen, in München geborener und in Freiburg lebender Autor, Kabarettist und Fotograf mit „Leidenschaft für das Abseitige, Versteckte, Schäbige und Bizarre“, begrüßt sein von Köstlichkeiten vom Buffet gestärktes Publikum erst einmal ganz entspannt. Er reflektiert über eine Werbetafel eines „Schießgewehrclubs“: „Schießen lernen - Freunde treffen“, und hinterfragt, warum man Angriffen auf die Freiheit mit der Einschränkung von Freiheit begegnet.

Sein Satz des Jahres ist der von Innenminister Thomas de Maizière nach der aus Angst vor Anschlägen erfolgten Absage des Fußballländerspiels gegen Holland: „Ein Teil meiner Antwort würde die Bevölkerung verunsichern.“ Vortrefflich, wie er ihn persifliert.

Damit ist er auch schon mittendrin, denn er will „dem Jahr die Vernunft und dem Fest die Liebe zurückgeben“. Geistreich und hintersinnig behauptet er, dass das Jahr wie ein einziger ARD-Brennpunkt gewesen sei, dass die Krise die Sprache erreicht habe, und dass Deutschland nur noch zwischen zwei Sätzen pendele: „Wir schaffen das!“ und „Die Belastungsgrenze ist erreicht!“

Letzteres gelte offensichtlich auch für das Behängen von Brückengeländern mit Liebesschlössern: „Das Liebesschloss als moderner Keuschheitsgürtel - da zeigt sich die Fortentwicklung des christlichen Abendlandes…!“

Aber Jochimsen kann nicht nur nachdenklich denken, er kann auch singen und fotografieren. Deshalb singt er „Zumutungen“ einfach weg: Dass Ursula von der Leyen in einer familienfreundlichen Armee dienende junge Männer in den Krieg schickt, dass in Berlin niemand die Absicht hat, einen Flughafen zu bauen. Und deshalb zeigt er, ganz im Stile eines althergebrachten Diaabends, vor der „Nachtischpause“ Fotos, deren Skurrilität zu stillem Schmunzeln verleitet.

Nach der Pause lässt der 45-Jährige sein Publikum an persönlich erlebten, frühkindlichen Weihnachtskatastrophen teilhaben, ehe er ein Lied übers Leben singt: mal hoch, mal runter, mal Dur, mal Moll. Es folgt das legendäre, für 40 Kinder konzipierte „Krippenspiel“, bei dem sich Jess im 2. Schuljahr für die Rolle des Heiligen Geistes beworben hatte. Leider war ihm nur die des Esels vergönnt: „Ich habe 58 mal „I-A“ gesagt, aber keine Sau hat mich erkannt!“

Angesichts vieler, intelligent ausgedachter, komischer Situationen - köstlich die mit der für die Geburt „enthaarten“, immer wieder „Kauf mir was!“ sprechenden Heilandspuppe - gewinnt der Abend an Fahrt. Freundlicher Applaus verleitet „JJ“ zu einer lockeren Plauderei und zu einem eigenwillig, aber einfühlsam vorgetragenen, letzten Lied: „Leise rieselt der Schnee…, Sorge des Lebens verhallt, freue dich, Christkind kommt bald!“

Von Wilfried Apel

Quelle: HNA

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