Die Familie Haag betreibt seit 70 Jahren das Wasserkraftwerk in Rotenburg

Ein Leben am Fulda-Wehr

Im Jahr 1923 ging die alte Mühle, rechts, in Flammen auf. Kurz danach entstand dieses Foto.

Rotenburg. Als Conny Haag-Lorenz ein Kind war, da gab es in der Fulda die „Hungerinsel“. Ihr Vater hatte eine Kiesbank unterhalb des Wehrs so getauft. Wenn die herausragte, hieß das, dass wenig Wasser unterwegs war, um die Turbinen anzutreiben.

Die Fulda bestimmt bis heute das Leben von Conny Haag-Lorenz. Seit 70 Jahren betreibt ihre Familie das Wasserkraftwerk in Rotenburg.

Connys Großvater Eugen war Unternehmer und Erfinder. Er war in Konstanz, Kempten und Kirchheim-Teck tätig gewesen, hatte Dampfkessel und Destilliermaschinen gebaut und eine Motor-Handmähmaschine auf den Markt gebracht, bevor er 1939 die 13 Jahre zuvor niedergebrannte Mühle am Wehr kaufte. Die erste Mühle befand sich schon 1612 an diesem Standort.

Im Tagebuch schreibt Haag von Hochwassern, Ärger mit den Behörden und anderen Widrigkeiten. Trotzdem gelingt es ihm, die alte Mühle in den Kriegsjahren bis 1943 in ein Kraftwerk mit drei Turbinen umzubauen. Am 1. September geht es ans Netz.

Eugens Sohn Helmut arbeitet schon wenige Jahre später im Werk mit. Dessen Tochter Conny wird 1964 geboren und wächst praktisch im Kraftwerk auf. Sie erinnert sich, dass die Vibration der Turbinen das Geschirr zum Klappern brachte. Mit ihrem Vater wickelte sie Draht, wenn mal wieder eine Spule gebrannt hatte, und half mit der Schubkarre, als die alten Turbinen ausgewechselt wurden.

Der Maschinenraum: Hier arbeiten die Generatoren, die von den beiden Turbinen eine Etage tiefer angetrieben werden. Die Maschinen im Vordergrund gehören zu einer weiteren Turbine, Baujahr 1898, die heute nicht mehr in Betrieb ist. Foto: Meyer

Ihre Abiturfeier verpasste Conny fast: Es kam wenig Wasser, aber eine Turbine schaltete sich nicht ab - und Papa Helmut war außer Haus. Conny schwitzte Blut und Wasser. Obwohl Conny Haag-Lorenz eine Banklehre machte, kam für sie nie etwas anderes infrage, als das Kraftwerk weiterzuführen.

Das tut sie seit 1996, zunächst noch zusammen mit ihrem Vater. Ganz eng ist ihr Leben mit dem Wasserkraftwerk verbunden, neben dem sie wohnt. Die Wäsche trocknet in der großen Halle, in der die Generatoren arbeiten. Eine große Herausforderung war vor einigen Jahren die Neu-Beantragung der wasserrechtlichen Erlaubnis, die nach 30 Jahren abgelaufen war. Bis 2009 baute Conny Haag-Lorenz die Rechenreinigungsanlage um und installierte eine Fischaufstiegsanlage - beides Auflagen des Regierungspräsidiums.

Wenn Conny Haag-Lorenz heute über die Steine spricht, die die Ämter der Wasserkraft in den Weg legen, klingt das ähnlich wie die Tagebucheinträge von Opa Eugen aus den 40er-Jahren.

Von Achim Meyer

Quelle: HNA

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