1972 wanderte das Olympische Feuer auch durch Waldhessen – Sportler erinnern sich

Ein Lauf wie im Traum

1972: Ursula Mischkowsky – damals Kusche – übernimmt am Marktplatz in Rotenburg die Flamme. Foto und Repro: Henkel

Rotenburg/Bebra. Die Strecke vom Rotenburger Rathaus bis zum Stadtausgang Richtung Heinebach wird Ursula Mischkowsky wohl niemals vergessen. Sie lief sie am 27. August des Jahres 1972 und trug dabei das olympischen Feuer in den Händen. Am selben Tag wurden die Spiele von München eröffnet – und die damals 20-jährige Rotenburgerin war Fackelläuferin. „Es war wie im Traum“, erinnert sie sich heute.

Zu Beginn der 70er-Jahre war Ursula Kusche – so ihr Mädchenname – eine der erfolgreichsten Leichtathletinnen der Region. Im Trikot der LGA Rotenburg-Bebra sammelte die vielseitige Sportlerin zahlreiche Titel in Kreis und Bezirk. Wohl deswegen wurde sie von Sportkreis und Landessportbund mit anderen zusammen auserkoren, die Fackel durch die Region zu tragen, glaubt sie. „Wir wurden zu einer Vorbesprechung ins Hotel Gesemann – heute das Posthotel – eingeladen“, erinnert sie sich. „Da wurden die Abläufe festgelegt.“

Mächtig viel los

Als Ursula Mischkowsky in Rotenburg das Feuer übernahm, hatte Günter Gatzka seinen Lauf schon hinter sich. Von Bebra nach Lispenhausen hatte der heute 59-Jährige, ebenfalls erfolgreicher Leichtathlet der LGA, die Flamme getragen. „In der Stadt war mächtig was los, viele meiner Sportkameraden haben mich eskortiert“, erinnert sich Gatzka. Eine offizielle Feier habe es in Bebra im Gegensatz zu Rotenburg aber nicht gegeben.

In Lispenhausen übergab Gatzka die Flamme an den Schwimmer Dieter Wagner vom Rotenburger SV Neptun, der sie dann nach Rotenburg brachte und an Ursula Mischkowsky weitergab. Dort gab es eine Feier, Landrat Otto Ulrich Bährens sprach. 1500 Menschen waren auf den Beinen. Mischkowsky lief nur bis zur Stadtgrenze: „Dort ging es in ein offenes Auto. Ich musste die Fackel hochhalten, und es ging weiter bis nach Heinebach.“ Von dort lief sie mit der Fackel in den Ort – an wen sie die Flamme weitergab, weiß sie aber nicht mehr.

Nie wieder gebrannt

In der Kartusche der Fackel war übrigens genau so viel Gas, dass es für den Weg reichte. Ursula Mischkowsky ließ ihre Fackel ausbrennen, später hat sie nie wieder gebrannt. Unterwegs ausgehen konnte sie nicht. „Wir sollten sie allerdings möglichst in einem bestimmten Winkel halten“, erinnert sich Günter Gatzka, der Bebraer Läufer.

Das T-Shirt mit den olympischen Ringen, das sie beim Lauf trug, hat Ursula Mischkowsky leider verloren. Doch die Fackel hat sie, wie Günter Gatzka, natürlich aufgehoben. Enkelsohn Ben soll sie einmal erben. Ursula Mischkowsky gibt zu: „Erst später ist mir klar geworden, wie besonders dieser Fackellauf war. Meine Familie war und ist schon stolz darauf. Wer weiß denn, ob jemals wieder ein Rotenburger die olympische Flamme tragen wird?“

Von Rainer Henkel

Quelle: HNA

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