Kriegsende in Ronshausen: Wie zwei Männer den Ort geschützt haben

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Er hält Erinnerungen fest: Hobby-Historiker Gerhardt Ziegenbein hat in seinem kleinen Büro Ronshausens Geschichte zusammengetragen. Auch zum Kriegsende, das er als Siebenjähriger miterlebte, hat er viel Material gesammelt. Auf dem Computer-Bildschirm ist ein Foto mit dem Auto des Ronshäusers Heinrich Gleim zu sehen, das dieser auf einen Holzvergaser umgerüstet hatte.

Ronshausen. Wie der Zweite Weltkrieg in Ronshausen endete - damit hat sich der Hobby-Historiker Gerhardt Ziegenbein beschäftigt. Er hat akribisch alte Dokumente zusammengetragen.

Diese dokumentieren die dramatischen Ereignisse in den ersten Apriltagen vor 70 Jahren in der Gemeinde. Ziegenbein nennt es „die schicksalhafteste Stunde der Gemeinde“. In Ronshausen sei der Krieg quasi bereits am 2. April 1945 zu Ende gegangen. Dafür gesorgt hätten zwei besonnene Ronshäuser: Alt-Bürgermeister Konrad Fend und Gastwirt Heinrich Mausehund.

Den Panzern entgegen 

„Als die amerikanischen Soldaten Anfang April schwere Artillerie auf dem Ziebachsrück und nahe der Autobahn bei Hönebach in Stellung gebracht hatten, um das Ulfetal zu beschießen, sind Konrad Fend und Heinrich Mausehund unter Einsatz ihres Lebens den mit Panzern von Hönebach her anrückenden Amerikanern mit weißen Fahnen entgegen- gegangen und haben damit den Beschuss von Ronshausen verhindert“, berichtet Ziegenbein. Von seiner Schulkameradin Luise Blaurock, geborene Fend - der Enkelin von Konrad Fend - hat Ziegenbein die Schilderungen des Ereignisses übermittelt bekommen.

„Es war ja auch gefährlich, weil in den letzten Kriegstagen immer noch viele Fanatiker unterwegs waren, die weiterkämpfen wollten.“

Sie stammen von einem Tonband, das Alt-Bürgermeister Fend anlässlich seines 90. Geburtstags 1967 aufgenommen hatte - zwei Jahre vor dessen Tod. Darauf sagt er: „Viele Worte könnt Ihr nicht verlangen. Ich bin zu hart angepackt. Es ist so einfach nicht mit 90 - und was ich erlebt hab’. ... Als die Geschütze aufgefahren sind, haben ich und der Kron-Heiner (Heinrich Mausehund, Wirt vom Gasthaus Zur Krone) einen schweren Gang gehabt, den Morgen. ... Hönebach brannte, da sahen wir auch die Rauchwolken rauskommen. Und auf der Straße lagen Minen. Wir mussten im Graben hochgehen, dass wir uns nicht unglücklich machen. Wir wussten noch nicht, wie es ausging. Und dann haben wir gebrüllt, ein paar Mal, aber wir konnten nichts verstehen und sind drauflosgegangen, jeder so ein weißes Tuch in der Hand. Die haben gesehen, dass wir eben nichts Schlechtes wollten. ... Und dann sind wir hin und haben mit denen verhandelt. Schwer, alles englisch. ... Aber ich muss sagen, wir haben den Draht zu denen gehabt.“

Für die Retter Ronshausens war jedoch nicht nur der Gang den Panzern entgegen lebensbedrohlich. „Es war ja auch gefährlich, weil in den letzten Kriegstagen immer noch viele Fanatiker unterwegs waren, die weiterkämpfen wollten“, sagt Ziegenbein.

"Viele sind kaputtgegangen"

Wer sich ihnen widersetzte, wurde oftmals erschossen - „viele sind in den letzten Tagen deshalb noch kaputtgegangen“, weiß der 77-Jährige. Er selbst hat an das Kriegsende vor 70 Jahren nur wenige eigene Erinnerungen. Im Gedächtnis geblieben ist ihm allerdings ein schönes Erlebnis aus der anschließenden Besatzungszeit, „als die Amerikaner an der alten Linde in Ronshausen vom Panzer runter Schokolade an uns Kinder verteilt haben".

Neben Konrad Fend und Heinrich Mausehund hat auch der Ronshäuser Lehrer Heinrich Heinemann den Ort vor Schlimmerem bewahrt. Er verhinderte, dass ein Major der Gebirgsjäger aus etwa 40 Wehrmachtssoldaten, die auf der Flucht in Ronshausen gelandet waren, noch eine Widerstandsgruppe bilden konnte, berichtet Gerhardt Ziegenbein.

Dafür versteckte er die Soldaten in der Schule und holte sich Hilfe vom damals oberhalb der Schule wohnenden Heinrich Gleim. Dieser brauchte erst mal Holz, um seinen Schlepper mit Holzvergaser fahrbereit zu machen.

Vor Zerstörung bewahrt 

Das brachte ihm Lehrer Heinemann, damit er die Soldaten am Karfreitag, 30. März 1945, auf seinem Anhänger aus Ronshausen herausbringen konnte. „Weil gerade diese Menge Soldaten noch rechtzeitig fortkamen, konnte unser Dorf vor sinnloser Zerstörung bewahrt bleiben“, heißt es in einer eidesstattlichen Erklärung von Heinrich Gleim aus dem März 1946, die Gerhardt Ziegenbein für sein Zeitdokumente-Archiv kopiert hat.

Quelle: HNA

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