Musik in der Karwoche war klingende Station einer Jahresreise der Evangelischen Kirche

Klage in 65 Variationen

Rotenburg. Der Mittwochtermin der „Musik in der Karwoche“ sah sich diesmal markant eingebunden in das Projekt „366 + 1 – Kirche klingt 2012“, einen konzertanten Staffellauf durch die Regionen Deutschlands von A wie Augsburg (Start am 1. Januar) bis Z wie Zittau (Ziel am 31. Dezember). Ein Dokumentarbuch wandert dabei täglich mit, kam also von Schmalkalden nach Rotenburg und wurde von hier nach Bad Wildungen weitergereicht.

Das gesamte Unternehmen, von regionalen Musikern gestaltet, gehört zu den weit gespannten Aktivitäten der Lutherdekade, mit denen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts das Jubiläum 500 Jahre Reformation akzentuieren will.

Ausgesuchte, seltene Stücke

Die Jakobikirche mit etwa 60 Besuchern klang an diesem Abend barockmusikalisch. Und zwar mit ausgesuchten, eher seltenen Stücken, zwischen die Dekanin Gisela Strohriegl Lesungen aus der Passionsgeschichte nach Lukas liturgisch einfügte. Alle vier Musiker stellten zu Beginn das Wochenlied „Ehre sei dir, Christe“ aus dem Reformationsjahrhundert vor (Gesang: Christhild Dietz-Zierenberg), gefolgt von Matthias Weckmanns Choralvorspiel „Ach, wir armen Sünder“ auf dieselbe Liedmelodie mit Bezirkskantor Christian Zierenberg an der großen Orgel.

Im Hauptteil zwei hochkarätige Kammermusiken des 17. Jahrhunderts. Die Passacaglia für Violine solo, Schlussstein der 15 „Rosenkranz-Sonaten“ von Heinrich Ignaz Franz Biber, der 100 Jahre vor Mozart Exponent der erzbischöflichen Hofkapelle in Salzburg war, fand in Henning Vater (Göttingen) einen überaus kenntnisreichen, gewandten, feinnervig sensiblen Interpreten. 65-mal wird hier die absteigende Viertonfolge g-f-es-d in bildhafte Variationen gekleidet: eine monumentale Klage auf vier Saiten und bestimmt die großartigste Musik für unbegleitete Violine vor Bachs berühmten Sonaten und Partiten.

Gleichfalls tänzerisch schreitend angelegt und eine kompositorische Überraschung dazu waren die beiden Paduanen in g von Johann Schop, der wie Weckmann hauptsächlich in Hamburg wirkte. Hier fanden Violine, Truhenorgel und Viola da gamba (Martin Fliege, Hameln, mit seidig schimmerndem Ton) zu echter Triomusik zusammen.

Von Siegfried Weyh

Quelle: HNA

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