Vor dem Anti-Drogen-Tag der UN sprachen wir mit Ralf Bartholmai von der Drogenhilfe

Montagsinterview: „Kein Mensch wird zufällig abhängig“

Ralf Bartholmai ist Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen, die auch bei uns im Kreis aktiv ist. Foto:  Schankweiler-Ziermann

Hersfeld-Rotenburg. Der Anti-Drogen-Tag am kommenden Sonntag wurde von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen und wendet sich gegen den Missbrauch von Drogen. Aus Anlass dieses Tages sprachen wir mit dem Leiter der Drogenhilfe Nordhessen, Ralf Bartholmai.

Herr Bartholmai, wir leben hier auf dem Land. Da sind Drogen doch kein Problem, oder?

Ralf Barholmai: Ja, wir leben auf der Insel der Glückseligen (lacht). Nein, ernsthaft, das ist schon lange nicht mehr so. Das Problem von Suchtmitteln und Drogen ist flächendeckend, drogenfreie Räume gibt es nicht. Und: Es gab schon immer überall Drogen.

Welche Drogen sind denn die gefährlichsten?

Bartholmai: Die Droge Nummer eins ist der Alkohol. Fast zehn Prozent der Bevölkerung pflegt einen riskanten Alkoholkonsum, das sind 12 000 Menschen in unserem Kreis, 2000 sind nach Schätzungen alkoholabhängig. Ansonsten steigt der Gebrauch von Suchtmitteln permanent leicht an, der von Heroin sinkt, der von Cannabis steigt. Neu sind die sogenannten „Legal Highs“ wie Kräutermischungen, Badesalz und ähnliches mit psychoaktiv wirksamen Substanzen.

Was halten Sie von der Legalisierung von Cannabis?

Bartholmai: Die meisten, die wegen Cannabis im Knast sitzen, sind keine schweren Verbrecher. Sie wären nicht dort, wenn Cannabis legal wäre. Alkohol kennen wir in unserer Kultur schon lange, es ist erlaubt, Cannabis dagegen erscheint uns neu und exotisch. Trotzdem bin ich persönlich gegen die Freigabe von Haschisch. Wir haben genug Drogen, mit denen wir nicht klarkommen. Es wäre auch ein falsches Signal nach dem Motto, „so schlimm ist es ja nicht“. Auch Haschisch macht viele kaputt. Es hat heute durch gentechische Veränderungen des THC einen viel höheren Wirkgehalt als früher und ist deshalb keine weiche Droge mehr. Besonders schädlich ist es in jungen Jahren. Es ist aber die Frage, ob jeder, der ein paar Gramm in der Hosentasche hat, verurteilt werden muss. Man sollte erstmal über den Umgang mit legalen Suchtmitteln sprechen.

Ist das Rauchen von Tabak immer noch die Einstiegsdroge?

Bartholmai: Um zu kiffen, muss man rauchen können. Das Shisha-Rauchen ist auch nichts anderes, es enthält sogar noch eine höhere Nikotin- und Schadstoffkonzentration.

In welchem Alter beginnt denn der Konsum von Drogen und Suchtmitteln?

Bartholmai: Das beginnt schon im 7./8. Lebensjahr mit dem Konsum von Medikamenten und Psychopharmaka. Nehmen wir ADHS. Unsere Gesellschaft lässt da keine Abweichung mehr zu. Es findet eine Normierung durch Psychopharmaka statt. Viele jugenliche Kiffer haben eine ADHS-Vorgeschichte, das heißt, sie haben schon als Kinder Ritalin bekommen. Den ersten Alkoholrausch haben die meisten mit 12/13 Jahren.

Wo ist denn hier im Kreis die Drogenszene zu finden?

Bartholmai: Es gibt in der Region keine offenen Szenen, aber überall Treffpunkte. Die Szenen sind eher privat, zu Hause und mit Sicherheit flächendeckend. Klar ist, dass man in jeder Gemeinde das bekommt, was man sucht. Auch Schulen sind keine drogenfreien Räume, waren sie nie. Sie sind ein Spiegel der Realität. Überall wo junge Menschen zusammenkommen, gibt es auch Drogen.

Wann spricht man denn von einer Sucht?

Bartholmai: Das Suchtkriterium ist der Kontrollverlust und die Steigerung der Menge.

Wie kann man Kinder stark machen und vor Drogen schützen?

Zur Person

Ralf Bartholmai ist Diplom-Sozialarbeiter und Diplom-Sozialpädagoge. Er arbeitet seit 1986 in der Drogenhilfe und ist Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen mit Sitz in Kassel und Stützpunkt in Rotenburg. Bartholmai lebt in Ronshausen, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Bartholmai: Viele Risiken und Chancen liegen in der Familie. Eine stabile frühe Erziehung, Sicherheit und Bindung sind wichtig. Ein geliebtes Kind ist am besten gewappnet. Es probiert auch mal etwas aus, gerät aber selten in die Gefahr einer Abhängigkeit.

Haben Sie selbst auch Drogenerfahrung?

Bartholmai: Mit 15 habe ich mal Cannabis probiert, aber ich habe keine Wirkung gespürt. Alkohol trinke ich nicht, er schmeckt mir nicht. Aber ich habe über 30 Jahre geraucht, heute allerdings nicht mehr. Ich kann mich aber gut in Suchtmittelabhängige reindenken. Sie sind ja keine anderen Menschen.

Warum werden Menschen abhängig?

Bartholmai: Kein Mensch wird zufällig abhängig, alle haben einen guten Grund. Es sind meistens ganz menschliche Probleme wie Trennung, Verlust, Angst, Missbrauch, Gewalterlebnisse – alles, was richtig wehtut. Die Menschen suchen nach einer Lösung, und was anfangs zu helfen scheint, wird später zur Falle. Die Gesellschaft macht außerdem immer mehr Druck, an dem immer mehr Menschen zerbrechen. Heroin zum Beispiel wirkt wie ein starkes Schmerzmittel. Wer so etwas braucht, dem muss die Seele sehr wehtun.

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

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