Gerd Hoffmann rieb sich am Berliner Politikbetrieb – Scharfzüngiges zum Hinterfragen

Kabarett für Schnelldenker

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Energiegeladen und teuflisch pointiert: So präsentierte der Berliner Politkabarettist Gerd Hoffmann am Freitagabend im Bürgersaal sein neuestes Bühnenprogramm. Die Quintessenz seines Wortspielgewitters: „Fragen Sie nach, wenn Entscheidungen alternativlos sind!“

Rotenburg. „Spielen wir mal Verfassungsschutz und halten wir uns das rechte Auge zu. Was sehen wir? Lauter Linke!“ Eine von vielen, nicht von der Hand zu weisenden Erkenntnissen, die der Berliner Kabarettist Gerd Hoffmann am Freitagabend unter der Überschrift „DENKvorBOTE – OEM-Version“ im Rotenburger Bürgersaal servierte.

Der war hell erleuchtet und in seiner Weite geschickt gefüllt, als der Mittfünfziger „gut vorbereitet, ausgeglichen, mental, vegetativ, sexuell und existenziell entspannt“ mit dem Pianisten Martin Hunger erschien und seine kleine Bühne mit schwarz-rot-goldenem Rednerpult, Laterne und Bundeskanzleramt im Hintergrund betrat. Durchaus so, als wolle er in den Ring steigen und austeilen. Die große Berliner Bühne bot Stoff genug: „Was da inhaltlich geboten wird, ist schon lange nicht mehr komisch!“

Politik als Reality-Show

Da verwundert es nicht, dass der Protagonist sich darum sorgt, dass die Berliner Politik eine von Privatsendern produzierte Reality-Show ist, dass er in einer „Endlos-Schleife gefangen ist, die alle vier Jahre von vorne beginnt“. Schließlich regiert die „Pattex-Kanzlerin, die es geschafft hat, die deutsche Politik zu entpolitisieren und der wir am Ende dankbar sein müssen für ihren vampiristischen Regierungsstil“ – Angela Merkel, der „Badewannenstöpsel der Nation“.

Alle drängeln in der Mitte

Ja, und dann sind ja noch die anderen da. Die Experten, die in der Tagesschau die Welt erklären, „der Sanitätsoffizier, der die Wirtschaft sanieren will („ein politischer Drittklässler mit Potenzial zur Nichtversetzung“), die Radio- und Fernsehtechnikerin, die die Verbraucher schützen will“, die Medien, die Parteien. Allen voran die SPD, die sich „so zuverlässig wie keine andere Partei vor jeder Bundestagswahl selbst demontiert“. Trotzdem hegt Hoffmann Sympathie für Peer Steinbrück: „Ich finde es schön, dass einer der Genossen dem Kapital das Kapital nimmt.“ Bei den Grünen diagnostiziert er eine Schieflage: „Mit der Kernkraft ist ihnen ein Kernpunkt ihrer Existenz abhanden gekommen“. Hoffmanns Fazit: „Alle drängeln sich in die Mitte und stehen sich auf den Füßen herum. Die Bundeskanzlerin, das Zentrum eines rotierenden Systems, befindet sich in relativer Ruhe – dank ihr ist die Welt wieder erklärbar.“

Mit bisweilen verzwickter Denke und Sprachgeschwindigkeit à la Richling geißelt Hoffmann Kapitalismus und Individualismus, unsere „demokratisch praktizierte Diktatur“ mit Abgeordneten, die Gesetze beschließen, die sie nicht verstehen. Gut zwei Stunden lang „Kopfkino ohne Ende“ – zum Denken aufforderndes Politkabarett, dem man im großen Bürgersaal allerdings ein bisschen mehr Kerzenlicht-Atmosphäre gewünscht hätte.

Von Wilfried Apel

Quelle: HNA

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