Unter Eva Gerlachs Leitung wird Tangomesse zum regionalen Kirchenmusik-Highlight

Jubel um die Generation T

Vollbrachten eine musikalische Großtat im Zeichen des Kultursommers: die Tangomesse-Musiker in der Stiftskirche. Foto: Meyer

Rotenburg. Zwischen den Spitzenereignissen Eurovision Song Contest und Deutscher Evangelischer Kirchentag hatten am Wochenende die Melsunger und Rotenburger ihr hell strahlendes Kirchenmusik-Highlight. Eine Tangomesse.

Reichlich zwei Stunden rhythmische Überwältigung – und am Sonntagabend beim Zugabenfinale (nach Aufführungen am Samstagabend und Sonntagnachmittag) schien die übervolle Stiftskirche in der Rotenburger Neustadt selbst zu tanzen. Jubel außer Rand und Band am Fuldastrand – im Zeichen der Generation T (wie Tango).

Dabei hatte die Messe selbst – wohlgemerkt ein kirchenmusikalisches Werk – ganz still geendet, mit einem Summton, unisono auf dem tiefen C: „Dona nobis pacem“. Nein, man darf ihr die geistliche Orientierung nicht absprechen, nicht den kompletten Text des lateinischen Ordinariums, nicht die Inständigkeit von Anrufung, Lobpreis und Bekenntnis, auch nicht die breit ausgearbeitete Schlussfuge. Was diese Grundhaltung überlagerte, führte zur einzigartigen Wirkung, die dieses Konzert hinterließ: die Regentschaft des Rhythmus. Nicht zu denken, was sich aus einem geraden Taktmaß und gezielt angebrachten Synkopen alles machen lässt. Gnadenlos effektiv, möchte man im Fußball-Jargon dieser Tage beinahe sagen.

Dazu gehören hauptsächlich die instrumentalen „Anreicherungen“ der Gesangsteile, also Ein- und Überleitungen, selbstständige Zwischen- und Nachspiele, vor allem vom Meister des Tango nuevo, Astor Piazzolla. Etwa die berühmten Nummern „Muerte del Angel“ (Tod des Engels), „Oblivion“ (Vergessen) und „Primavera Porteña“, die Antonio Vivaldi nachgebildete Version des Frühlings aus Piazzollas südamerikanischen Vier Jahreszeiten.

Genau die Richtige

Für ein solches Projekt war Kantorin Eva Gerlach genau die richtige Vordenkerin. Sie war hier weniger gefragt als dirigierende Schlagtechnikerin denn als Ideengeberin, Überzeugungsarbeiterin, Koordinatorin in Sachen Teamfähigkeit, Motivatorin, ja Cheerleaderin. Alles prima! Natürlich nur mit dem passenden Team. Und da sollte die instrumentale Seite einmal zuerst genannt werden: das Weimarer Ensemble „L’Art de Passage“ mit den vier absoluten Spitzenleuten Stefan Kling (Klavier), Tobias Morgenstern (Akkordeon), Wolfgang Musick (Bass) und Karoline Körbel (Perkussion), die für den klirrenden, flirrenden, flimmernden, schimmernden, eben authentischen Tangosound sorgten. Dazu umwerfende Solisten: Katalin Hercegh, die geigende Hexenmeisterin, der noble Cellist Wolfram Geiss, der einfühlsame Gitarrenvirtuose Felix Gerlach, die Kastagnetten-Animateurin Friederike von Krosigk.

Auf der vokalen Plattform ebensolche Aktivposten: die Lokalmatadorin Mareike Morr mit der Solostimme der Predigerin, Prophetin, Trösterin. Und selbstverständlich das Chorkollektiv der Kantorei der Stiftskirche, der Rotenburger Jugendkantorei und der Melsunger Musikantengilde – eine hundertköpfige singende, ja voller Andacht und Leidenschaft sich mitteilende Gemeinde. Alles in allem eine musikalische Großtat im Zeichen des Kultursommers Nordhessen.

Von Siegfried Weyh

Quelle: HNA

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