Hans-Otto Kurz ordnete das Chaos

Grenzöffnung 1989: Für jeden gab’s einen Hunderter

Nachbarschaftlicher Austausch Dr. Dirk Zickler (von links), zuständig für Wirtschaftsförderung beim Rat des Kreises Eisenach, Werner Uth, Vorsitzender dort, der Wildecker Bürgermeister Willi Müller, der hessische Grenzbeauftragte Gerhard Sprenger, Norbert Kern, Landrat Hersfeld-Rotenburg, der Heringer Bürgermeister Roland Hühn und Büroleiter Hans Otto Kurz am 5. Dezember 1989 im Landratsamt. Foto: nh

Hersfeld/Rotenburg. Als am 6. November 1989, einem Montag, der Kreistag zu einer Sitzung zusammentritt, steht die übliche Routine auf der Tagesordnung.

Die sich zuspitzende innenpolitische Lage im gut 30 Kilometer entfernten anderen Deutschland ist an diesem Tag kein Thema gewesen, erinnert sich Hans-Otto Kurz, damals büroleitender Beamter der Kreisverwaltung.

Dabei waren zu diesem Zeitpunkt schon Tausende DDR-Bürger über Ungarn und die Tschechoslowakei aus dem Land geflüchtet, demonstrierten in den großen Städten, und am Wochenende zuvor hatten die ersten 100 Übersiedler aus der DDR beim Bad Hersfelder Bundesgrenzschutz ihre Notquartiere bezogen. Auch der Kreis hatte eine Liste mit möglichen Flüchtlingsunterkünften - darunter Turnhallen und leer stehende Hotels - nach Wiesbaden gemeldet.

Was aber am 9. November passierte, hatte keiner auf dem Schirm gehabt.

Im Radio und dann auch im Fernsehen hörte Kurz, dass Günter Schabowski, im Zentralkomitee der SED zuständig für Informationswesen und Medienpolitik, auf einer Pressekonferenz die allgemeine Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündet hatte. Gebannt blieb er vor dem Fernseher sitzen und verfolgte die weiteren Nachrichten.

Am nächsten Tag trafen im Landratsamt Anweisungen der Landesregierung zur Auszahlung von Begrüßungsgeld an DDR-Bürger ein, die an die Städte und Gemeinden weitergeleitet werden mussten. Dieses Begrüßungsgeld - 100 DM pro Kopf - war eigentlich für mittellose DDR-Rentner auf West-Besuch und als kleine Starthilfe für die bis zum Herbst 1989 wenigen Übersiedler und Flüchtlinge aus der DDR gedacht. Auszuzahlen auf Antrag über die Kommunen, Erstattung durch den Bund. Mit einer tausendfachen schlagartigen Nachfrage hatte niemand gerechnet. Die kam aber jetzt.

Herzliches Willkommen am 12. November 1989 vormittags an der Autobahn bei Obersuhl. Die Fahrzeugkolonne will einfach nicht enden. Dieses und das Foto links hat uns Hans-Karl Gliem aus Obersuhl zur Verfügung gestellt. Foto: privat

Am Samstagmorgen gegen 7 Uhr rief der Hausmeister des Landratsamts bei ihm zu Hause an: Die Straße vor der Dienststelle sei schwarz vor Menschen, die auf die Auszahlung des Begrüßungsgeldes warteten. Eigentlich war die Kreisverwaltung dafür gar nicht zuständig, aber danach fragten die Leute aus der DDR nicht. Auf einer kurzen Informationsfahrt nach Bebra erblickte Kurz Menschenströme auf dem Weg vom Bahnhof zum Rathaus. Da ist ihm klar geworden, dass die Verwaltung flexibel handeln muss. Zusammen mit dem inzwischen eingetroffenen Sozialamtsleiter bestellte er 15 bis 20 Mitarbeiter der Kreisverwaltung ins Landratsamt.

„Innerhalb einer halben Stunde standen alle auf der Matte, keiner hat irgendwie gemurrt“, lobt der ehemalige Büroleiter. Um 8.45 Uhr nahm die provisorische Begrüßungsgeld-Auszahlungsstelle im Flur des Amtes ihren Betrieb auf, noch vor Mittag waren die fünfstelligen Bargeldbestände der Kreiskasse aufgebraucht. „Wir haben dann den Sparkassendirektor Kleinschmidt angerufen“, erzählt Kurz. Der habe sofort Hilfe zugesagt. Der Transport von mehreren 10 000 Mark vollzog sich unauffällig. An der Schlange der Wartenden vorbei schob sich ein Sparkassen-Angestellter mit einer prall gefüllten Plastiktüte ins Landratsamt.

Von Peter Lenz 

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Quelle: HNA

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