Leben am Bahnknotenpunkt wandelte sich völlig

Erster Weltkrieg: Vor 100 Jahren starb der erste Soldat aus Bebra

Mit Kaffeeonkel: Mitglieder des Vaterländischen Frauenvereins, einem Teil des Bebraer DRK, am 1. Dezember 1914 auf dem Bahnhof Bebra. Die Frauen betreuten in einer Erfrischungsstelle die Militär- und Verwundententransporte. Foto: nh

Bebra. Drei Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs fielen die ersten Soldaten aus unserer Region. Der erste aus Bebra war Salli Rothfels, ein jüdischer Bebraner. Er starb vor 100 Jahren, am 22. August 1914, in Aiseau östlich von Charleroi in Belgien.

In der Heimat hat sich damals am Bahnknotenpunkt das Leben völlig gewandelt. „Bis in die letzten Häuser und Hütten wallte das gewaltige Ringen an den Fronten. Es flutete … auch durch die Straßen und Gassen von Bebra.“ Das notierte der Heimatschriftsteller Hans Neumann (gestorben 1963) in seinem Büchlein „Bebra in den Tagen des Weltkrieges“ (1924). Von ihm stammt neben vielen Feldpostbriefen eines der wichtigsten regionalen Zeugnisse über den Ersten Weltkrieg.

Neumann erlebte den Kriesausbruch am Bahnhof Bebra. Im September 1914 zog er selbst als Soldat an die Westfront. Er beschreibt, wie die Züge ab August in den Bahnhof donnerten, „vollgepfropft mit Soldaten, Pferden und Kanonen, „geschmückt mit Blumen und Grün, jedesmal mit brausendem Jubel empfangen. Hoch schlugen die Wellen der Begeisterung. Alles wetteiferte, die Soldaten durch Liebesgaben zu erfreuen.“

Suche nach einem Spion

„In den Wirtsstuben wogte die Begeisterung besonders hoch, schallten patriotische Lieder.“ Dazu kam laut Neumann bald nach der Verkündung der Mobilmachung eine allgemeine Nervosität, Gerüchte von einem Spion, der den Hönebacher Tunnel in die Luft sprengen wolle. Straßenbarrikaden wurden aufgestellt, verdächtige Personen als Spione verhaftet. Zwei russische Frauen wurden aus einem Zug geholt. Sie schnitten sich aus Verzweiflung die Pulsadern auf. Nur eine Frau überlebte.

An allen Ecken wurde ungedienter Landsturm zum Schutz der Bahn aufgestellt, schreibt Neumann. Bei Krumbach schoss ein übereifriger Posten versehentlich einen anderen tot.

Andenken: Stadtarchivar Hans Möller blickt auf den Boden eines Bierkrugs, der dem Großvater von Möllers Frau Lieselotte, Jakob Gries, gehört hat. Den Krug mit einem Bild von Kaiser Wilhelm kaufte sich Gries als Erinnerung an die Soldatenzeit. Foto: Schankweiler-Ziermann

Die Nachricht, dass Lebensmittel rar würden, führte dazu, dass in kürzester Zeit „in Bebra kein Krümchen Salz, kein Gramm Mehl mehr zu haben war“. Während das Korn zur Ernte auf den sommerlichen Feldern stand, fanden sich im Schulsaal auf der Kisselburg hinausziehende Krieger mit Frau, Eltern, Geschwistern ein, um mit Pfarrer Kappes das für viele letzte Abendmahl zu feiern.

Schon in den ersten Kriegstagen richtete die Sanitätskolonne des DRK ein Vereinslazarett mit 25 Betten ein. Das bekam bald Arbeit: Im Laufe des Augusts und Septembers wurden auch viele Franzosen ärztlich betreut, heißt es.

Bebraer und Rotenburger Frauenvereine, die wegen Animositäten getrennte Erfrischungsstellen errichteten, arbeiteten dann aber gut zusammen, als im Hotel Kilian 75 Betten für Übernachtungen eingerichtet werden sollten. Im ganzen Krieg übernachteten hier etwa 36 000 Soldaten.

Insgesamt zogen 146 Bebraner in den Krieg. 92 kehrten nicht mehr in die Heimat zurück. Allein der Turnverein Bebra beklagte 31 gefallene Sportkameraden.

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann 

Eine Themenseite über Bebra im Ersten Weltkrieg finden Sie in der gedruckten Freitagsausgabe der HNA Rotenburg-Bebra.

Quelle: HNA

Kommentare