Vor 50 Jahren spielte Cornbergerin Madeleine Tatsch erstmals in Kirche

Madeleine Tatsch ist seit 50 Jahren Organistin der Kirchengemeinde Maria Königin in Cornberg. Früher spielte sie bei über 60 Gottesdiensten im Jahr, aktuell alle zwei Wochen bei der Vorabendmesse am Samstag. Manchmal hilft sie der evangelischen Gemeinde aus, die die katholische Kirche ebenfalls nutzt. Foto: Hefter

Cornberg. Madeleine Tatsch kann sich genau an ihre Gefühle erinnern, als sie im Frühsommer 1965 zum ersten Mal beim Gottesdienst die Orgel spielte.

„Ich bin vor Lampenfieber fast vergangen“, erinnerte sie sich. „Weil ich wusste, dass ich es nicht richtig konnte.“ Neben ihr saß Lehrer Heinrich Puhl, um notfalls eingreifen zu können. Doch Madeleine Tatsch bestand die Herausforderung. „Mit Hängen und Würgen“, erzählte die 78-Jährige schmunzelnd. Jetzt, 50 Jahre später, ist sie noch immer Organistin ihrer katholischen Gemeinde Maria Königin in Cornberg, Filialgemeinde von St. Marien in Bebra.

Madeleine Tatschs musikalisches Talent wurde früh erkannt. Schon als Zehnjährige sang sie im Kirchenchor mit, auch als Solistin. Als Zwölfjährige bekam sie ein Jahr lang Klavierunterricht bei Elisabeth Heyda, einer aus dem Sudetenland geflüchteten Konzertpianistin. Ein eigenes Instrument besaß Madeleine Tatsch nicht. „Einmal in der Woche durfte ich eine Stunde auf dem Klavier von Lehrer Puhl üben.“

In der 1957 geweihten Kirche gab es in den ersten Jahren nur ein Harmonium. Die erste, gebrauchte Orgel beschaffte Pfarrer Rudolf Bergmann, der von 1961 bis 1964 in der Gemeinde wirkte. Er ließ einigen Kindern Klavierunterricht geben, um so vielleicht einen Organisten heranzubilden. Madeleine Tatsch nutzte die Gelegenheit, sich von der Klavierlehrerin, die auch Orgel spielen konnte, die Grundtechniken des Orgelspielens zeigen zu lassen. Das Spielen brachte sie sich dann selbst bei, systematisch Lied für Lied.

Madeleine Tatsch war damals schon verheiratet, berufstätig und Mutter. Ihre Familie war nicht begeistert, dass sie zu all ihren Pflichten nun auch noch Orgel spielen wollte. Deshalb ging die Cornbergerin erst zum Üben in die Kirche, wenn Haushalt und Familie versorgt waren. „Manchmal abends um 23 Uhr“, berichtete sie. „Ich habe dort oft mit schlechtem Gewissen gesessen.“

Die Orgel hatte ihre Mucken, weil sie vom Holzwurm befallen war. Einige Male musste sie während der Predigt ins Instrument hineinkriechen, um einen hängen gebliebenen Ton zu lösen.

Nach einer Zwischenlösung mit einer elektronischen Orgel war Madeleine Tatsch sehr glücklich, als die Kirche 2002 wieder eine Pfeifenorgel bekam. Beschafft wurde sie wiederum von Pfarrer Bergmann, der den Kontakt nach Cornberg gehalten hatte.

Die Lieder wählt die 78-Jährige passend zur liturgischen Zeit selbst aus. Am liebsten spielt sie Stücke, die nicht so dahinplätschern, sondern gewaltiger klingen, zum Beispiel das Bonifatiuslied. Die Orgel, so betont sie, ist ein faszinierendes Instrument. „Ich bewundere alle, die es perfekt beherrschen.“ Lampenfieber hat sie nicht mehr, im Gegenteil: „Wenn ich an der Orgel sitze, werde ich ruhig.“

Die gläubige Katholikin ist ihrer Kirche übrigens nicht nur im übertragenen Sinne sehr nahe. Von ihrem Wohnzimmer aus hat sie das Gotteshaus direkt im Blick. Angesichts ihres Alters denkt Madeleine Tatsch ans Aufhören, möchte lieber nur noch als Vertretung spielen. „So ganz ohne Orgel, da würde mir etwas fehlen.“

Von Susanne Hefter

Quelle: HNA

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