Ernst-Wolfram Schmidt geht den weißen Flecken in der Schilde-Geschichte nach

Vor 68 Jahren war Schluss

Blick in die Heimatgeschichte: Stolz präsentieren Autor Ernst-Wolfram Schmidt (hinten), die Redakteure Dr. Michael Fleck (links) und Hans-Otto Kurz, sowie Ingrid Waldeck, die Vorsitzende des Hersfelder Geschichtsvereins, die gerade erschienene Schilde-Dokumentation. Foto: Apel

Bad Hersfeld. Wer am Schilde-Park vorbeifährt und die verbliebenen Backsteinbauten und die Schilde-Halle bewundert, der weiß, dass hier bis vor wenigen Jahren das Herz eines großen Unternehmens geschlagen hat. Weniger bekannt ist, wer seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die „Benno Schilde Maschinenbau Aktiengesellschaft Hersfeld“ beherrscht hat, wie sehr diese Personen – allen voran Fritz Rechberg – mit deutschen Großindustriellen, Banken und später mit dem Naziregime verbandelt waren, und wie die Produktion während des Krieges auf Rüstungsgüter umgestellt worden ist.

All diesen Fragen geht der Philippsthaler Ernst-Wolfram Schmidt im gerade erschienenen sechsten Band der Hersfelder Geschichtsblätter nach, in dem er sich mit der Entwicklung von Schilde vor, in und nach dem 2. Weltkrieg beschäftigt. Besonders das, was in den letzten Kriegsjahren geschehen ist, hat den pensionierten Lehrer, dessen Vater 40 Jahre lang in leitender Position bei Schilde tätig war und der in der Wehneberger Straße gewohnt hat, interessiert. „Da war bis jetzt ganz wenig aufgearbeitet und auch in den Aufzeichnungen meines Vaters sind an bestimmten Stellen Lücken“, berichtet er. Zufall? Wohl kaum, denn in den Werksanlagen an der Geis mussten mit zunehmender Kriegsdauer mit immer weniger deutschen Facharbeitern immer mehr kriegswichtige Güter produziert werden.

Russenlager im Zellersgrund

Wie das ging? Mit Fremdarbeitern: Zunächst mit Zivilfranzosen, aber auch mit französischen Kriegsgefangenen, und ab 1942 mit Ostarbeitern und russischen Kriegsgefangenen, die hart arbeiten mussten und schlecht ernährt wurden. Mit „Russenbrot“ beispielsweise, das aus 50 Prozent Roggenschrot, 20 Prozent Rübenschnitzel, 20 Prozent Zellmehl und zehn Prozent Stroh oder Laub bestand. In eigens für sie errichteten Baracken, etwa im „Russenlager“ im Zellersgrund, erlebten sie ein System abgestufter Diskriminierung. Für Ende 1944 geht Schmidt davon aus, dass 3000 bis 5000 Ausländer in der Stadt Hersfeld lebten und dass sie knapp ein Drittel der Bevölkerung stellten. „Dass es zu Übergriffen und Misshandlungen kam, ist allerdings nicht dokumentiert.“

Die Firma Schilde wurde durch ihre anpassungsfähige Fertigung und durch die Erweiterung von Produktionsstätten zu einem Rüstungsbetrieb für besonders dringliche Aufgaben mit großen Stückzahlen“, erläutert der 69 Jahre alte Buchautor, der für seine in viele Einzelheiten gehende Dokumentation im Bundesarchiv Berlin, im Militärarchiv Freiburg, im Staatsarchiv Marburg und vor Ort geforscht hat. Im „totalen Krieg“ habe sie als zuverlässig gegolten und zu den Betrieben gezählt, die ihr Produktionssoll auch unter erschwerten Bedingungen erfüllt hätten. Mehrfach sei sie für vorbildliche Leistungen ausgezeichnet worden und erst am 28. März 1945 - also heute ganz genau vor 68 Jahren - sei die Produktion angesichts der heranrückenden Amerikaner eingestellt worden. Nach dem Krieg wurde sie unter anderem mit dem „Schilde Kochherd Modell 80“ wieder aufgenommen. (nh)

HINTERGRUND

Von Wilfried Apel

Quelle: HNA

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