Gutachter referierte in der Jahreshauptversammlung der Kreisverkehrswacht

„Idiotentest“ trifft wenige

Bewährte Kraftfahrer: In der Jahreshauptversammlung wurden Fahrer ausgezeichnet, die über Jahrzehnte sicher im Verkehr unterwegs waren. Fotos: Meyer

Bebra. „Idiotentest“ wird sie abschätzig genannt, die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU), die Menschen auf ihre Fahreignung testet, wenn sie im Straßenverkehr durch Alkoholfahrten oder Regelverstöße auffällig geworden sind.

Bernd Lehnert, Leiter der Begutachtungsstelle Kassel, Korbach, Göttingen und Bad Hersfeld beim TÜV Hessen, referierte zur MPU bei der Jahreshauptversammlung der Kreisverkehrswacht in Bebra und verteidigte das Verfahren gegen den Vorwurf, es sei eine Abzocke, bei der Willkür herrsche.

Dies sind seine Argumente:

• Nur extrem wenige Verkehrsteilnehmer seien betroffen. Lehnert: „99,82 Prozent der Autofahrer haben mit der MPU ihr ganzes Leben nichts zu tun.“ Nur, wer wirklich schwere Verstöße begangen habe, müsse die Untersuchung über sich ergehen lassen. Den Promille-Wert von 1,6, der bei einer einmaligen Alkoholfahrt die Grenze für die Anordnung der MPU ist, veranschaulichte Lehnert: Dafür müsse ein 80 Kilogramm schwerer Mann in fünf Stunden acht halbe Bier trinken.

• Den deutlichen Rückgang der Zahl an Verkehrstoten in den vergangenen Jahrzehnten sieht Lehnert auch als Verdienst der MPU. Sie sei „ein wichtiges Instrument der Verkehrssicherheit“. Verantwortlich für Verkehrsunfälle sei zu zehn Prozent die Technik, zu 90 Prozent der Mensch. „Wenn das Auto zum TÜV muss, warum dann nicht auch der Mensch?“

• Die Quote derer, die durch die Untersuchung nicht den Führerschein zurückerlangten, sei weitaus niedriger als allgemein behauptet. Durchfallquoten von 80 Prozent würden von Leuten gestreut, die an der MPU mitverdienten. Tatsächlich würden unter den Alkoholsündern zwei Drittel für fahrtauglich befunden, die übrigen erhielten später eine neue Chance.

• Das System MPU gebe im Gegensatz zu Verfahren in anderen Ländern jedem eine Chance, wieder am Verkehr teilzunehmen, so Lehnert. Auch wer als Jugendlicher „drei wilde Jahre mit drei Führerscheinentzügen“ gehabt habe, könne später wieder Auto fahren.

Verbindliche Kriterien

• Das Vorurteil, die Gutachter handelten willkürlich, ließ Lehnert nicht gelten. Viele Durchgefallene würden sagen: „Dem hat meine Nase nicht gepasst.“ Lehnert: „Alle Untersuchungsstellen müssen nach verbindlichen Kriterien untersuchen.“ Das wichtigste Kriterium sei, ob der Begutachtete die Ursache seines Verhaltens erkannt habe und bereit sei, seine Einstellung zu ändern. Wer sage: „Mit fünf Bier fahre ich noch besser als meine Frau nüchtern“, sei definitiv ungeeignet.

Von Achim Meyer

Quelle: HNA

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