Warum zu viel Reinlichkeit im häuslichen Umfeld krankmachen kann und Händewaschen so wichtig ist

Hygiene ist mehr als nur putzen

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Abteilungsärztin Beate Erath (vorn) und die leitende Hygienefachkraft Katja Birnstein im Labor des Klinikums.

Bad Hersfeld. Auch in einem Krankenhaus gibt es Krümel und Staub. Ist das gleich unhygienisch? Das fragte Kai A. Struthoff die Leitende Abteilungsärztin Beate Erath (Labordiagnostik und Klinikhygiene) und die Leitende Hygienefachkraft Katja Birnstein vom Klinikum Bad Hersfeld.

Was ist der Unterschied zwischen sauber und hygienisch?

Hygiene ist ein sehr komplexes Thema, das in der Öffentlichkeit aber oft auf Reinigung reduziert wird. Reinigung – und im Krankenhaus zusätzlich auch die Flächendesinfektion – ist natürlich ein wichtiger Baustein im Rahmen der Standardhygiene, genauso wie beispielsweise Händehygiene, die Aufbereitung von Medizinprodukten und der richtige Einsatz von Schutzkleidung.

Worauf muss man in einem Krankenhaus bei der Hygiene besonders achten?

Hygiene im Krankenhaus bedeutet Gesundheitsrisiken, hier speziell in Form von Infektionen, zu erkennen und diesen vorzubeugen. Jeder Mensch, der zu uns kommt, krank oder gesund, bringt seine eigene sogenannte physiologische Flora mit und trägt dabei mehr Bakterien als Körperzellen auf und in sich. Zum Schutz der kranken und abwehrgeschwächten Patienten wird mit entsprechenden Hygienemaßnahmen eine Übertragung von Bakterien und anderen Erregern verhindert. Besonders wichtig ist dabei die Händehygiene. Deshalb erfassen wir, wie oft Hände im Krankenhaus desinfiziert werden. Je nach Station und Patientenkontakt können es zwischen zehn bis 80 Händedesinfektionen pro Patient und Tag sein.

Gibt es dafür im Klinikum eigene Mitarbeiter und spezielle Schulungen?

Im Klinikum gibt es eine Ärztin für Krankenhaushygiene und neben der Ltd. Hygienefachkraft zwei weitere Hygienefachkräfte, die alle Mitarbeiter des Klinikums bei Hygienefragen unterstützen. Zudem sind etwa 50 Pflegekräfte als Hygienebeauftragte speziell fortgebildet, ebenso zwölf Ärzte. Für alle Mitarbeiter gibt es regelmäßig Schulungen, Beratungsgespräche und Begehungen ihrer Abteilungen. Unser großes Anliegen ist es, medizinisches Personal bereits in der Ausbildung entsprechend zu schulen.

Welche Regeln gelten für das Reinigungspersonal?

Die rund 80 Reinigungskräfte sind alle bestimmten Bereichen wie OP, Kreissaal oder den Stationen zugeordnet. Es ist festgelegt, welcher Bereich mit welchen Mitteln zu reinigen beziehungsweise zu desinfizieren ist. Jährliche Mitarbeiterschulungen werden diesbezüglich abgehalten. Alle Reinigungs- und Desinfektionsmittel sind zudem speziell geprüft. Auch für die Ausführung gibt es klare Vorgaben, wie etwa der Wechsel des Wischmopps nach jedem Zimmer oder die Reinigung der Oberflächen. Die Oberflächen werden nach dem sogenannten Vier-Farben-System gereinigt: Es gibt rote, grüne, blaue und gelbe Eimer und entsprechende Reinigungstücher; hierdurch wird sichergestellt, dass in den verschiedenen Zimmerbereichen immer das dafür bestimmte Tuch und Wasser verwendet wird.

Wie geht das Klinikum mit den multiresistenten Erregern um?

In jedem Krankenhaus gibt es derartige Keime, wie etwa den Staphylococcus aureus oder auch Darmkeime, die teilweise schon gegen viele Antibiotika-Gruppen resistent sind. Es handelt sich hierbei nicht um ein reines Problem der Krankenhäuser, multiresistente Erreger sind in der Bevölkerung verbreitet, deshalb sind die Überwachung und Früherkennung sehr wichtig. Fast alle Patienten werden schon bei der Aufnahme darauf untersucht, ob sie Träger solcher Keime sind. Auftretende Infektionen werden statistisch erfasst und bundesweit mit rund 900 Krankenhäusern verglichen. Dabei schneidet das Klinikum gut ab.

Schleppen die vielen Besucher nicht noch zusätzlich Dreck und Keime ein?

Aus medizinischer Sicht sind Besucher völlig unkritisch. Aus psycho-sozialer Sicht sogar sehr wichtig für die Genesung der Patienten. Eine Infektion über den Boden, etwa über Straßenschuhe; ist nahezu ausgeschlossen. Bei sorgfältiger Händedesinfektion können Besucher in den meisten Fällen ganz normal mit ihren Angehörigen umgehen. In jedem Patientenzimmer befindet sich mindestens ein Spender für Händedesinfektionsmittel.

Welche grundlegenden Hygieneregeln sollte jeder auch daheim beachten?

Händewaschen nach dem Toilettengang und vor dem Essen sollte für jeden selbstverständlich sein. Zu Hause reicht das normale Waschen und Reinigen mit handelsüblichen Reinigungsmitteln völlig aus. Desinfektionsmittel sind daheim eher kontraproduktiv. Denn gerade Kinder müssen ihr Immunsystem an Keime gewöhnen, um dieses auszuprägen und zu stärken. In der heimischen Küche sollte man bedenken, dass zum Beispiel rohes Fleisch viele Keime trägt. Wenn man also Hähnchen zerlegt, sollte man nicht auf demselben Brett den Salat schneiden, sondern es vorher abwaschen. Zum Abspülen reicht 60 Grad warmes Wasser völlig aus, um die Keime zu reduzieren. Das gilt übrigens auch für das Wäschewaschen.

Besonders eklig sind öffentliche Toiletten. Wie unhygienisch sind die wirklich?

Auf einen offensichtlich verschmutzten Toilettensitz sollte man sich natürlich nicht setzen, aber normalerweise ist diese glatte und trockene Oberfläche ungefährlicher als die im Anschluss nicht gewaschene Hand. Selbst bei einem 16-lagigen Papier findet man immer noch Coli-Bakterien an der Hand. Und auch auf Handys oder Einkaufswagen oder Startknöpfen von Cappuccino-Automaten tummeln sich viele Keime.

Quelle: HNA

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