Ein akribischer Sammler

Wochenendporträt: Heinrich Nuhn aus Rotenburg erforscht jüdische Schicksale

Bücher und Dokumente wohin man schaut: Der Rotenburger Lehrer Dr. Heinrich Nuhn hat sich die Erforschung der Schicksale von jüdischen Mitbürgern aus unserer Region zur Lebensaufgabe gemacht. Foto: Meyer

Rotenburg. Bücher, Hefter und Aktenordner lagern in mehreren Zimmern des Hauses, auf den Gästebetten liegen gut sortiert Papiere, und selbst in der Speisekammer belegen Ordner einen Teil der Regale. In Jahrzehnten hat der inzwischen pensionierte Rotenburger Lehrer Dr. Heinrich Nuhn all das Material zusammengetragen und damit schwerpunktmäßig die Geschichte jüdischer Familien in der Region erforscht.

Den Geschichten hunderter Menschen ist der 78-Jährige nachgegangen und hat die Verlegung von inzwischen rund 130 sogenannter Stolpersteinen in Rotenburg und Bad Hersfeld initiiert, die an jüdische Frauen, Männer und Kinder erinnern, die während der Nazizeit ermordet wurden.

Hintergrund

Mikwe-Museum wird zehn Jahre alt

Dr. Heinrich Nuhn hat sich auch für die Einrichtung eines jüdischen Museums im Gebäude der früheren Mikwe in Rotenburg eingesetzt, eines Ritualbades aus dem 17. Jahrhundert. Das zehnjährige Bestehen des Mikwe-Museums wird am kommenden Wochenende gefeiert. Die Geschichten der verschiedenen jüdischen Familien erzählt Nuhn auch auf der Internetseite www.hassia-judaica.de. Nuhn arbeitet momentan an einem umfangreichen Katalog, in dem die Exponate des Museums und die Geschichten der Familien ausführlich zueinander in Beziehung gesetzt werden sollen. (zmy)

Immer wieder lädt Nuhn Menschen aus den USA, Israel oder Südafrika nach Rotenburg ein, deren Vorfahren aus der Region stammen und vor der Verfolgung geflüchtet sind. Die Gäste sind dann regelmäßig sprachlos angesichts der Tatsache, dass sich da jemand Unbekanntes mit so viel Akribie dem Schicksal ihrer Angehörigen gewidmet hat. Und sie sind dankbar dafür, dass er sie an Orte aus deren Heimat führt und ihnen ihre Geschichte erzählt.

Schon als Kind entwickelte Nuhn in den Jahren nach dem Krieg ein Bewusstsein für den Schrecken der Judenverfolgung, weil in seinem Elternhaus offen darüber gesprochen wurde. „Ich konnte nicht begreifen, dass man so mit Menschen umgehen kann“, sagt Nuhn. In seiner Doktorarbeit befasste er sich mit politischen Institutionen der Region und stellte dabei fest, wie stark der Antisemitismus hier seit Jahrhunderten verwurzelt war.

Zur Person

Dr. Heinrich Nuhn wurde 1938 in Niederaula geboren. Er studierte Deutsch und Englisch in Marburg, London und Liverpool und wurde Lehrer an der Rotenburger Jakob-Grimm-Schule. Mit seiner Frau Inge hat er einen Sohn, eine Tochter und fünf Enkelkinder. Für seine Tätigkeiten erhielt er das Bundesverdienstkreuz und den Obermayer Award, der für Beiträge zur Erhaltung der jüdischen Geschichte verliehen wird. (zmy)

Der politische Antisemitismus habe ihn später aber nicht mehr umgetrieben, sagt Nuhn. Sondern er habe die Notwendigkeit gesehen, die Erinnerung an eine Minderheit aufrecht zu erhalten, die Bedeutendes geleistet habe, aber weitgehend aus dem Gedächtnis verschwunden sei. „Es geht nicht darum, Schuldgefühle zu machen“, sagt er. „Niemand weiß, wie man sich selbst verhalten hätte.“

Nuhn ist dankbar dafür, dass ihn Kolleginnen und Kollegen an der Jakob-Grimm-Schule unterstützt haben, und dass seine Bemühungen nicht zu öffentlichen Auseinandersetzungen geführt haben.

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