Der Heinebacher Sally Katzenstein hat das Bild von Sylt geprägt

Sally Katzenstein

Heinebach. Der Heinebacher Sally Katzenstein wurde als Maler Franz Korwan auf Sylt bekannt und starb im Holocaust.

Vor 150 Jahren, am 26. Oktober 1865, wurde im Alheimer Ortsteil Heinebach Sally Katzenstein geboren. Als Maler Franz Korwan hat er das Leben auf der Insel Sylt festgehalten. Er starb 1942 als Opfer des Holocausts in einem französischen Lager. Wir erinnern zu seinem Jubiläum an den bekannten Maler.

Sally Katzensteins Vorfahren lebten schon seit Generationen in Heinebach, sein Großvater Koppel war viele Jahre Vorsteher der Synagogengemeinde. Doch schon bald nach seiner Geburt zog Sally mit seiner Familie nach Gießen. Dort besuchte er das Gymnasium, wo er sich besonders in den musischen Fächern auszeichnete.

Für ein Kunststudium des Sohnes war das Familienbudget allerdings zu schmal. Stattdessen absolvierte Sally in Frankfurt eine Banklehre. Dank monatlicher Zuschüsse von Onkel Salomon Wolf konnte Sally dann im Mai 1887 ein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie, Fachrichtung Malerei, beginnen.

Schon in seinem zweiten Studienjahr kam er mit einer Malklasse nach Sylt. Eine elfmonatige Studienreise führte ihn dann nach Italien. Zurückgekehrt, entschied er sich dann endgültig für Sylt, mit einer Unterbrechung 1893/94, als er für zwei Semester die Hochschule für Bildende Künste in Berlin besuchte.

Zurück auf der Insel, schuf er atmosphärisch dichte Bilder von der originären Natur und dem Leben der Menschen in ihren Dörfern. Landschaft und Leben um die Jahrhundertwende leuchten in seinen Gemälden auf: Dünen, Meeresbrandung, Wattenschiffe, Abendstimmungen am Weststrand oder in der weiten Landschaft der Insel Sylt. Aber auch Frauen am Spinnrad oder mit den Tieren, die sie am Abend von den Weideplätzen holen und zur Tränke führen.

Die Strandpromenade Westerlands: Als Maler Franz Korwan hat der gebürtige Heinebacher Sally Katzenstein Anfang des 20. Jahrhunderts das Leben auf Sylt in Bildern festgehalten und als Kommunalpolitiker auch mitgestaltet. Repro: Nuhn

Sein künstlerisches Selbstverständnis hat er so formuliert: „Das Motiv liegt bei mir nie im Gegenständlichen, meist in der Luft und im Farbenreiz, in erster Linie wie sie an der Nordsee in Erscheinung treten. Nichts zeigt mehr die logische Folgerichtigkeit der Naturgesetze wie das Meer. Man kann es nur malen, wenn man die inneren Zusammenhänge begriffen hat.“ 1894 hatte Sally die aus dem Elsass stammende Franziska Achenbach geheiratet, eine evangelische Christin. Ein Jahr später, am 19. Juni 1895, wurde Tochter Franziska geboren.

Seit der Jahrhundertwende unterhielt er in der Westerländer Strandstraße ein Atelier. Sein Haus entwickelte sich zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt.

Die ersten Arbeiten signierte er noch mit Sally Katzenstein, doch später unterzeichnete er mit „Franz Korwan“, seinem Künstlernamen, den er ab 1924 auch als bürgerlichen Namen führte. Bereits 1908 war er zum evangelischen Glauben konvertiert.

Neben Künstler und Bürger von Sylt war Korwan auch engagierter Kommunalpolitiker und aktiv an der Entwicklung von Westerland als Kurort beteiligt. Auf vielfältige Weise setzte er sich für die Insel ein. Nicht nur durch Postkarten und Plakate, die zum Besuch des Nordseebads animierten.

Als zeitweiliger Vizebürgermeister Westerlands verwaltete er die städtische Sparkasse, schließlich hatte er bei einer Bank gelernt. Auch für die Verleihung der Stadtrechte an Westerland 1905 soll er intensiv gefochten haben

Im Jahre 1921 zog Korwan nach Keitum zu seinem Mäzen, dem Kaufmann Julius Saenger, einem assimilierten Juden. Nach Saengers Tod 1929 liierte sich Sally mit dessen Witwe, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte. Da hatte er sich im Laufe der 20er-Jahre schon weitgehend aus dem öffentlichen Leben Sylts zurückgezogen.

Hitlers Machtübernahme 1933 machte aus der selbstgewählten Isolation Korwans eine erzwungene. Die Nationalsozialisten machten aus Franz Korwan wieder Sally Katzenstein. Die für die Insel geleisteten Errungenschaften waren von einem auf den anderen Tag vergessen, plötzlich zählte nur noch seine Abstammung.

Nachdem die neuen Machthaber die jüdischen Kurgäste vertrieben hatten, richteten sich die Angriffe bald auf die wenigen auf Sylt ansässigen Juden. 1937 verließ Sally Katzenstein mit seiner Lebensgefährtin Elsa Saenger die Insel, um sich in die Anonymität einer großen Stadt zurückziehen zu können.

Doch weder in Wiesbaden, wo die beiden für einige Monate unterkamen, noch in Baden-Baden fanden sie den erhofften Schutz. Beide wurden am 12. Oktober 1940 zusammen mit den anderen 114 Einwohnern der Kurstadt und allen übrigen badischen Juden verhaftet und nach Südfrankreich in das Internierungslager Gurs deportiert. Im Februar 1942 wurden beide in das Lager Noé verlegt, in dem Sally Katzenstein am 4. September 1942 starb. Elsa Saengers Spur verliert sich im Vernichtungslager Auschwitz.

Von Dr. Heinrich Nuhn

Quelle: HNA

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