Tatjana Kröger berichtet von der ersten Etappe ihrer abenteuerlichen Bahnreise

Halt für Schwanenküken

Fisch muss man mögen: Stockfisch wird in Norwegen auf hölzernen Gestellen zum Trocknen aufgehängt. Fotos: Kröger/nh

In Erfahrungsberichten erzählten zum Nordkap reisende Bekannte immer von Nebel, Regen und Eiseskälte. Jetzt stehe ich selbst auf dem Sockel mit der eisernen Gradnetzkugel. Die See ist spiegelglatt, es herrscht Fernsicht gefühlt bis Grönland, und über dem Kap wölbt sich ein azurblauer Mittelmeerhimmel. Na klasse, denke ich, wenn ich das zu Hause erzähle, glaubt’s mir kein Mensch.

Den eigentlichen Anfang nimmt meine Reise in Narvik, dem nördlichsten Bahnhof Europas. Auf dem Campingplatz von Gällivare im äußersten Norden Schwedens erlebe ich einen spektakulären Sonnenaufgang in Pastellbronze. Das Außergewöhnliche ist, dass die Sonne wie festgeklebt am Himmel bleibt und dass es halb zwei Uhr morgens ist – perfekte Mitternachtssonne.

Um viertel vor sieben besteige ich die nur aus einem Triebwagen bestehende Inlandsbahn, die auf eingleisiger Strecke in den drei Sommermonaten in vierzehneinhalb Stunden von Gällivare nach Östersund fährt, einmal durch ganz Lappland. Nur 16 Stopps und vier Ortschaften von einiger Größe gibt es auf den 1300 Kilometern. Dreimal macht der Zug an einsamen Gasthöfen, die im endlosen Wald die Stellung halten, etwa eine halbe Stunde Pause, damit Passagiere und Personal etwas essen können.

Aufenthalte

Auch außerfahrplanmäßige Aufenthalte gibt es. Eine Stunde südlich des Polarkreises muss der Triebwagen eine riesige Rentierherde passieren lassen. Wenig später stehen wir schon wieder. Die Schaffnerin hilft einigen Schwanenküken über die Gleise. Der nächste unvorhergesehene Halt hinter Arvidsjaur ist weniger schön. Ein Rentier hat es nicht mehr geschafft, dem Zug auszuweichen. Mit zerschmettertem Hinterlauf liegt es hilflos neben der Trasse. Ich schaue nicht mehr hin, als der Lokführer, dem das nichts Neues ist, mit einer Axt bewaffnet aussteigt.

Wieder in Norwegen, liegt mein nächstes Ziel zwei Stunden südlich von Trondheim, auf einer Hochebene in 1000 Metern. Die Station heißt Hjerkinn; es gibt ein altes Bahnhofsgebäude, eine Jugendherberge, eine Cafeteria, eine Kirche und sonst nicht viel. Die norwegischen Jugendherbergen sind mit Preisen um 45 Euro für mich viel zu teuer, aber ich darf draußen gratis mein Zelt aufstellen und gegen eine Gebühr die Gemeinschaftseinrichtungen der Jugendherberge benutzen.

Eine Wanderung führt mich noch ein paar hundert Meter höher auf den Geitberget. Die Aussicht ist fantastisch.

Bäche wie Wasserfälle

Baumlose lichtgrüne Hügel entrollen sich in endlose Ferne; Gebirgsbäche, die eher hohen Wasserfällen gleichen, stürzen sich sprudelnd bergab. In einem weiten Tal formt ein Flüsschen zwischen kleinen tintenblauen Seen gemächliche Schlangenlinien.

Im Norden türmen sich kahle schwarze Gipfel mit Gletschern auf. Auch heute ist der Himmel strahlend blau, doch ein eiskalter Wind in Sturmstärke pfeift auf dem Geitberget, sodass ich darum bete, auf dem Geröll nicht auszurutschen.

Wann hier wohl die Schneeschmelze einsetzt? „Das war früh dieses Jahr“, meint der Jugendherbergsbesitzer, der nebenbei noch eine Schlittenhundezucht betreibt, „Mitte Mai.“ Ich nicke mitfühlend. Norwegischer Sommer. (ysy/red)

Quelle: HNA

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