Gutachten als Grundlage

Rotmilan versus Windkraft: Vogelschützer fordern riesiges Rückzugsareal

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Gefährdeter Raubvogel: An der Franzosenstraße brüten so viele Rotmilane wie nirgendwo sonst in Hessen.

Hersfeld-Rotenburg. Ein riesiges Vogelschutzgebiet im nördlichen Kreis Hersfeld-Rotenburg schlägt die Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) vor. Es reicht von der nördlichen Kreisgrenze bis nach Ludwigsau und deckt die Stadtgebiete von Rotenburg und Bebra vollständig ab.

Damit will die HGON ein großflächiges Rückzugsgebiet für den Rotmilan vor Windkraftanlagen schaffen, der sich vor allem an einer Stelle im Landkreis besonders wohlfühlt.

Grundlage der Forderung ist ein Gutachten über die Vogelwelt an der Franzosenstraße, das Arno Werner verfasst hat. Der Arbeitskreisleiter der HGON im Kreis Hersfeld-Rotenburg hat 2013 an der Franzosenstraße die Brut- und Nahrungsreviere des Rotmilans untersucht und nach Schwarzstorch und Sperlingskauz gesucht. Außerdem dokumentierte Werner den Vogelzug. Die Franzosenstraße ist ein Höhenrücken, der sich vom Rotenburger Stadtteil Dankerode bis nach Bebra zieht und auf dem Windkraftanlagen gebaut werden sollen.

Aktualisiert um 18 Uhr

Werners Gutachten, das er dem Regierungspräsidium Kassel übergegeben hat, umfasst ein 44 Quadratkilometer großes Gebiet. Er nennt die Franzosenstraße einen "ornithologischen Hotspot in Hessen". Mit der Dichte von 23 Revieren auf einhundert Quadratkilometern sei der Rotmilan dort so häufig vertreten wie nirgends sonst in Hessen. Allein im direkten Bereich Franzosenstraße gebe es zehn bis zwölf Brutpaare. Das Vogelschutzgebiet, das die HGON vorschlägt, umfasst sogar etwa 300 Quadratkilometer. Es reicht von Cornberg bis Friedlos, vom Alheimer Gudegrund bis Nentershausen-Dens und deckt die Stadtgebiete von Rotenburg und Bebra vollständig ab. In dem Gebiet brüten laut Werner insgesamt 50 bis 60 Rotmilanpaare. Durch die Einrichtung eines großen Vogelschutzgebietes könnten die Lebensraumbeeinträchtigungen des Rotmilans in Nordhessen durch vorhandene oder geplante Windkraftanlagen zumindest teilweise ausgeglichen werden, sagt Werner. Die noch weitgehend intakte Landschaft mit ihrer hohen Artenvielfalt könne das gesellschaftliche Bewusstsein für die biologische Vielfalt fördern.

Vogelschutzgebiet (große Ansicht hier klicken)

Das Zuggeschehen an der Franzosenstraße stuft er als überdurchschnittlich ein, weil jährlich Millionen Vögel den Höhenrücken überfliegen. Werner rechnet mit einer erheblichen Gefährdung windkraftsensibler Vögel. Er warnt: Wenn es dort zur Errichtung auch von einzelnen Windkraftanlagen käme, wäre das Konfliktpotenzial sehr hoch. Tiere könnten durch Zusammenstöße mit Rotoren getötet werden. Werner verweist auch auf das Urteil des Verwaltungsgerichtshofes zu den geplanten Anlagen bei Dens (wir berichteten). Darin wurde festgestellt, dass in Dichtezentren des Rotmilans etwa zehn Brutpaare pro 100 Kilometer - die Tötungsgefahr dieser seltenen Vogelart an den Windkraftanlagen zu hoch sei. Die Siedlungsdichte des Vogels an der Franzosenstraße sei doppelt so hoch, meint Werner. Ein Ein-Kilometer-Abstand zum Horst sei nicht allein entscheidend, Lebensraum und Nahrungsgewohnheiten seien gleichrangig zu bewerten, habe das Gericht geurteilt. (sis/mcj)

Quelle: HNA

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