Weihnachten zu Kriegszeiten

Geschenk war eine Wurst

Früher gab es viel mehr Schnee als heute, und die Nächte waren dunkler. Keine Lichterketten erhellten die Nacht während der Adventszeit.

An den Abenden war Kerzenschein etwas Besonderes, es wurde viel gehandarbeitet, oder Geschichten wurden vorgelesen. Auch Gedichte wie Theodor Storms „Von drauß´ vom Walde komm ich her…“ können die Älteren auswendig aufsagen.

Hannelore Hildebrandt, zweite Vorsitzende des Bebraer Seniorenbeirats, stammt aus Ruhla/Thüringen. Ihre Familie war 1945 nach Heidenheim evakuiert worden und erwartete kurz nach dem Krieg zu Weihnachten die Heimkehr des Vaters. Die Küche und den Weihnachtsbaum mussten sich zwei Familien teilen. Nach dem Besuch eines ökumenischen Gottesdienstes durften alle Kinder das Weihnachtslicht mit nach Hause nehmen.

Das Festessen bestand aus Kartoffelsalat und einer Fleischwurst für elf Personen – auf dieses Essen hatte man hingespart. Am Weihnachtsbaum hingen Fröbelsterne und vom Vater selbst gebastelter Schmuck. Zur Feier wurde gesungen, die Mutter der anderen Familie spielte Ziehharmonika und Zither. Geschenke, so erinnert sich Hannelore Hildebrandt, gab es nicht. Das Geschenk für alle bestand aus der Fleischwurst. Und für Hannelore, damals fünf Jahre alt, hatte der Vater ihr auf vergilbtem Schreibmaschinenpapier die von ihm selbst erdachte Geschichte von „Knecht Ruprecht und dem Weihnachtsmann“ aufgeschrieben, in fein säuberlicher Druckschrift mit der Hand.

Ilse Koch (69) ist in Weiterode aufgewachsen. Die Familie bewohnte zwei Stuben im Haus der Großmutter. Plätzchen backte Ilse Kochs Mutter heimlich in der Nacht. Wenn es morgens duftete, sagte sie den Kindern, das Christkind habe ihr geholfen.

In der Adventszeit gab es nur Margarineplätzchen, erst zu Weihnachten mit Butter gebackene. Weihnachten feierte die Familie bei den Großeltern, die in der Moltkestraße in Bebra wohnten. Nur hier gab es auch einen kleinen Weihnachtsbaum, der sparsam mit Kugeln und Kerzen geschmückt war und auf dessen Spitze ein Paradiesvögelchen saß.

Ihr erstes „Buch“ bekam die Vorsitzende des Seniorenbeirats Bebra mit fünf Jahren. Der Vater hatte ihr die Geschichte von Max und Moritz aufgeschrieben und mit Zeichnungen versehen. Nicht nur bei Ilse Koch holte vor Weihnachten das Christkind die Puppe und brachte sie erst zum Fest wieder: mit fein gehäkeltem Hemd und Höschen sowie einem rosa Kleidchen.

Bei Irmgard Witzel wurde zur Kriegszeit vor Weihnachten viel gesungen, gebastelt und gemalt. Die Onkel waren alle im Krieg, und die große Familie feierte bei der Großmutter. Als Geschenk für die Kinder gab es eine Tüte mit Süßem, „darüber haben wir uns sehr gefreut“, erzählt Irmgard Witzel. Auch eine aus einem Bettlaken genähte Schürze mit Borte gab es einmal, „das war schon viel“. Unglücklich sei man aber nicht gewesen, erinnert sie sich. Damals gab es noch Eisblumen an den Fenstern, und zum Fest wurde die gute Stube geheizt, das allein war schon etwas Besonderes.

Thea Rehwald ist auf einem Bauernhof mitten in Bebra groß geworden. Ihr Vater war noch kurz vor Kriegsende eingezogen worden. Die Mutter war mit den beiden Töchtern allein auf dem Hof, unterstützt von einem polnischen und einem französischen Kriegsgefangenen. Eine wechselnde Zahl von Flüchtlingen, darunter auch eine Frau mit sieben Kindern, schliefen in der Scheune und im Haus, und alle hatten Hunger. Weihnachten 1945 feierten sie alle zusammen, nur der Vater fehlte. Er war noch in Kriegsgefangenschaft

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

Quelle: HNA

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