Das 18. Orgelfestival des Kirchenkreises Rotenburg erkundete die neue Orgel in Obersuhl

Die Erde schmeckt nach Himmel

Obersuhl. Kirchenräume bewahren auch für eine verweltlichte Gesellschaft ihre Aura, ihre Atmosphäre, ihre heimliche Anziehungskraft. Am Pfingstfest denkt man da natürlich an das Wehen des Heiligen Geistes. Auch eine Orgel braucht „Inspiration“, Luft zum Atmen, zum Tönen.

Die ein knappes halbes Jahr junge Orgel der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde in Obersuhl hatte zu Pfingsten ihre große Bewährungsprobe zu bestehen – mit dem 18. Orgelfestival des Kirchenkreises Rotenburg, das Bezirkskantor Christian Zierenberg des neuen Instruments wegen hier angesiedelt hatte. Hier, das meint fast mehr noch als das Instrument den Raum, der sich über die jüngsten Renovierungen hinweg seine Ursprünglichkeit erhalten hat. Die Besucherzahl zu den beiden Terminen – Orgelnacht am Pfingstsamstag, Matinee am Pfingstmontag – konnte sich sehen lassen. Vier Interpreten teilten sich das Programmangebot, das die Epochen der Orgelmusik vom 16. bis zum 20. Jahrhundert umfasste.

Sauber ausgeleuchtete Register

Für Carolin Horber (Obersuhl), die Jüngste, stand selbstverständlich noch der Erwerb von Erfahrung, Literaturkenntnis und Auftrittssicherheit vornan. Doch konnte sie mit Franz Liszts „Harmonies du soir“ (Abendstimmung) und César Francks Prélude, Fugue et Variation op. 18 zeigen, dass die Andreas-Schiegnitz-Orgel – deren Erbauer anwesend war – über sauber ausgeleuchtete Flötenregister verfügt.

Entschlossener griff Christhild Dietz-Zierenberg (Rotenburg) im Kopfsatz der Rheinberger-Sonate Nr. 11 d-Moll op. 148 zu, schöpfte die Energien und Reserven, das Bassfundament und Prinzipal-Rückgrat der Orgel aus. Und Reiner Volgmann (Fritzlar) tat das für manche Soloregister und Mixturen bei seinen Kurzbeiträgen zwischen italienischer Spätrenaissance und der Sarabande aus Bachs 5. Französischer Cembalosuite G-Dur BWV 816.

Den abschließenden Höhepunkt hatte die Orgelnacht in Charles-Marie Widors Symphonie Nr. 5 f-Moll op. 42.1 und ihrer kontrastreichen, formal verschlungenen und dann doch durchgreifenden, eben „sinfonischen“ Entfaltung über 40 Minuten hin bis zum Ziel der berühmten wogenden, schwingenden, tanzenden Toccata. Hier waltete mit Festivalgründer Christian Zierenberg der erfahrenste und versierteste Musiker an Manual und Pedal. Hier mochte man auch empfinden, dass im Kirchenraum auf einmal die Erde nach Himmel schmeckt. ARTIKEL LINKS

Von Siegfried Weyh

Quelle: HNA

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