Erinnerungen zum Volkstrauertag: Christiane Abel verlor 1944 ihren Verlobten

Eine Liebe in Briefen

Nur die Briefe, Fotos und einige Dokumente sind Christiane Abel von ihrem Hans geblieben, der seit 1944 offiziell als vermisst gilt. Die Gedenkstätte für im Krieg Gefallene und vermisste Soldaten in Unterhaun, wo auch sein Name verewigt ist, hat sie oft besucht. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Das Papier ist längst vergilbt und die Schrift verblasst, doch die Worte sind noch zu entziffern. „Mein Mädchen. Habe Geduld, es muss doch alles gut werden, es geht um unser Glück. Liebe und Kuss.“ Geschrieben hat diese Zeilen Hans Both am 18. Mai 1944. „Eine Woche später war er tot“, sagt Christiane Abel, die ihren Hans damals im bevorstehenden Heimaturlaub heiraten wollte, und der offiziell noch als vermisst gilt.

Kennengelernt hatte sich das Paar schon in der Schule, damals lebten die beiden in Lauterbach, dort wuchsen sie auf. „Aus einer Schulfreundschaft wurde Liebe“, so Abel.

Seit 1979 lebt die 92-Jährige in Bad Hersfeld, die Eltern von Hans Both stammen aus Unterhaun. Auf dem dortigen Gedenkstein steht – unter „Vermisst“ – auch sein Name geschrieben. Bis vor wenigen Jahren suchte Abel die Gedenkstätte zu jedem Volkstrauertag auf, und nahm „heimlich und still“ an der dortigen Zeremonie teil. Heute schafft sie den steilen Weg zu Fuß nicht mehr hinauf.

Nachkriegstrauerspiel

„Die Vermissten sind nicht vergessen“, sagt Abel, „hinter jedem Namen steckt ein Schicksal.“ Ein „Nachkriegstrauerspiel“ nennt Abel das, was ihr und ihrem Hans widerfahren ist. „Ich trauere immer noch um ihn.“

Zahlreiche Briefe – die Both während des Zweiten Weltkrieges fast täglich geschrieben hat – sowie Dokumente hat sie fein säuberlich sortiert aufgehoben. Auch ein paar ihrer eigenen zärtlichen Briefe sind dabei. Lange hat sie versucht, etwas über das konkrete Schicksal ihres Verlobten herauszufinden.

Das sei laut Abel eng mit der sogenannten Schlacht um Monte Cassino in Italien verbunden, bei der sich die Deutschen und die Alliierten von Januar bis Mai 1944, gegenüberstanden, mit vielen Toten auf beiden Seiten.

Bei Roccasecca gerieten der damals 23-jährige als Funker tätige Obergefreite und seine Kameraden laut Unterlagen um den 24. Mai 1944 mit ihrem Panzer am Fluss Liri unter Beschuss. Von Hans Both fehlte danach jede Spur. „Man nahm zunächst an, die Soldaten wären in Gefangenschaft geraten“, sagt Abel. „Die Ungewissheit war das Schlimmste.“

Das letzte Mal gesehen hatte sich das Paar im Oktober 1943 am Fuldaer Bahnhof. „Dort haben wir im Regen auf den Zug gewartet und uns unter Tränen getrennt“, erinnert sich Christiane Abel.

1961 heiratete Abel einen Witwer mit fünf Kindern, doch als die Ehe in die Brüche ging und Abel nach Bad Hersfeld zog, setzte sie ihre Nachforschungen fort. Sogar nach Italien fuhr sie und schaute sich auf Friedhöfen nach Soldatengräbern und Gedenktafeln um, suchte nach Zeitzeugen. Letzlich blieb der Verbleib Boths ungewiss.

Heute kann sie die Briefe gar nicht mehr selbst lesen. Doch vergessen wird Christiane Abel ihren Hans und die kurz vor der Hochzeit jäh zerstörte Liebe sicher nie.

Von Nadine Maaz

Quelle: HNA

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