„Frühwarnsystem“ in der Stadtkirche mit dem makellosen Dresdner Kreuzchor

Eine Feier für die Demokratie

Demokratie muss nicht trocken sein: Der Dresdner Kreuzchor war auf Einladung von Festspielintendant Holk Freytag (links im Bild) nach Bad Hersfeld gekommen. Die jungen Sänger erfüllten die Stadtkirche mit ihren makellos reinen Stimmen. Foto: Apel

Bad Hersfeld. Die Abgeordneten des Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes. Was in Artikel 38 des Grundgesetzes geregelt ist, scheint selbstverständlich. Dennoch trug Dirk Glodde die Norm bei der Feier „Dich singe ich, Demokratie!“, mit großer Ausdruckskraft vor.

Denn Festspielintendant Holk Freytag hatte als Gastgeber in seiner Begrüßung davon gesprochen, dass ihn umtreibt, dass immer weniger Bürger zur Wahl gehen; dass die Parteien sich mehr um den Erhalt der Macht als um den Dienst an der Gesellschaft kümmern; und dass das Kapital immer weniger auf das Gemeinwohl bedacht ist.

Und doch sang Freytag ein Loblied auf die Demokratie. Zusammen mit dem Dresdner Kreuzchor und Ensemblemitgliedern der Festspiele installierte er ein auf einzigartige Weise miteinander verwobenes musikalisch-literarisches „Frühwarnsystem“. Mit der Attica-Rede der Athene, der Gefallenen-Rede des Perikles („Frei leben wir miteinander im Staat im gegenseitigen Geltenlassen des alltäglichen Treibens, ohne dem anderen zu grollen“) und der Gettysburg-Rede des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln gaben Marie Thérèse Futterknecht, Stephan Ullrich, Hans-Christian Seeger und Charlotte Puder Freiheit und Toleranz das Wort.

Makellose Stimmen

Vor diesem Hintergrund agierte der von Kreuzkantor Roderich Kreile geleitete Chor. Mit ihren makellos reinen Stimmen, die die Stadtkirche mal mit leiser, mal mit lauter Kraft, scheinbar mühelos in Stimmung versetzten, intonierten die Sänger des ältesten Knabenchores der Welt Motetten von Heinrich Schütz, Felix Mendelssohn Bartholdy und Johann Sebastian Bach.

Nach dem von Fabian Baumgarten vorgetragenen Edmund-Burke-Text sprach der Schweizer Philosoph Adolf Muschg. Er bezeichnete die Europäische Union als „Versuch, ein polis-artiges Gebilde zu entwickeln“, und forderte dazu auf, sich zu erinnern, sich für die fremden Anderen zu interessieren, sie zu hören und sie zu integrieren.

Reichlich Applaus spendete das Publikum auch für berühmte Reden von Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Walt Whitmann, für Musikstücke von Thomas Jennefelt, Oskar Wermann (bei seinem „Vater unser“ wurde ein Teil des Kreuzchores als Fernchor eingesetzt, sodass ein wunderbares Echo entstand) und Albert Becker.

Von Wilfried Apel

Quelle: HNA

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