Dorfleben statt Zirkusluft

Artistin aus Zirkusfamilie will jetzt sesshaft werden

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Marita Kendler, ihr Lebensgefährte Vasile Mighiu und ihre Tochter Letizia: Sie kamen im Winter mit dem Wohnwagen nach Asmushausen und blieben.

Asmushausen. Als Marita Kendler (40), ihr Lebensgefährte Vasile Mighiu (27) und ihre Tochter Letizia (6) im vergangenen Jahr mit dem Wohnwagen nach Asmushausen kamen, war es schon fast Winter. Auf einer privaten Wiese im Ort fanden sie vorerst ein neues Zuhause.

„Aber eigentlich wollten wir weiterziehen“, erzählt Marita Kendler, die einst eine berühmte Zirkus-Artistin war. In allen namhaften deutschen und europäischen Zirkussen trat sie zusammen mit ihrer Schwester auf. Das Duo nannte sich „Tanja Sisters“.

„In unserer Familie waren wir die siebte Zirkus-Generation“, berichtet sie. Mit den verschiedenen Zirkussen bereisten sie die Länder zwischen Marokko, Portugal, Schweden und Italien. Ein Gastspiel in Las Vegas war der Karrieregipfel. Das Reisen war ihre Welt.

Wenn Tochter Letizia ihrer Mutter zuhört, staunt sie zwar, kann sich aber nicht so richtig für das Leben im Wohnwagen begeistern. Ihr ist es viel lieber, am Ort viele Freundinnen zu haben und die Schule nicht wechseln zu müssen.

Letizia ist sechs Jahre alt. In diesem Alter hat ihre Mutter das erste Mal mit einem Glitzerkostüm in der Manege gestanden. Marita Kendlers Familie hatte eigene Tiere, darunter sogar einen dressierten Elefanten. 1980 brachte eine Elefanten-Dame einen kleinen Elefanten zur Welt, was eine große Sensation war.

Unfall in der Manege

Der Vater dressierte die Tiere, führte die Geschäfte und kümmerte sich um die Engagements. Als er nach einem Unfall in der Manege starb, änderte sich für die Familie alles. „Wir haben damals unsere gesamte Existenz verloren; die Lkws, die Wohnwagen, die Tiere, einfach alles“, erinnert sich Marita Kendler. „Trotzdem bin ich weiter am Trapez aufgetreten. Ich musste ja mein Geld verdienen.“

Ihren Lebensgefährten hat Marita Kendler beim Zirkus kennengelernt. Vasile Mighiu ist Rumäne und war als Zeltbauer engagiert. Auf der Suche nach neuen Engagements verschlug es die beiden zusammen mit Maritas Tochter nach Asmushausen.

Die kleine Familie wurde innerhalb kurzer Zeit in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. Dies ist vor allem das Verdienst des Ortsvorstehers Richard Berge, der von Anfang an den Kontakt zu den Neuankömmlingen suchte. Dieses Frühjahr zogen Marita, Vasile und Letizia vom Wohnwagen in eine Mietwohnung im Ort. Sie liegt über dem Feuerwehrgerätehaus und gehört der Stadt.

„Wir haben alles selbst renoviert“, berichtet Marita Kendler. Ihr Lebensgefährte ist handwerklich begabt. Sie planen, ein eigenes Gewerbe anzumelden. Vasile Mighiu kann Fliesen legen, Verputzen, Tapezieren und vieles mehr.

Suche nach Jobs

Auch Marita bemüht sich um einen Job außerhalb der Manege. Gerade arbeitet sie in einem Hotel als Zimmermädchen zur Probe. „Der Zirkus war immer wie eine große Familie“, sagt die einstige Artistin. Sie wollte nie sesshaft werden, und manchmal fehlt ihr das alte Leben. Aber Mann und Tochter vermissen nichts. Vasile ist mittlerweile Fußballspieler in der Spielgemeinschaft Gudegrund/Konnefeld. Letizia geht in die 1. Klasse der Brüder-Grimm-Schule in Bebra. Heute fühlt sie sich auch in Asmushausen geborgen und kann sich vorstellen, dort zu bleiben. DAS SAGT LINKS

Von Alexandra Koch

Quelle: HNA

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