Erinnerung an die Wiedervereinigung

Der Bulle im Grenzstreifen: Erinnerungen an die Einheit

Erinnerung an den Tag der Grenzöffnung: Anette Leiter hat eine Tafel für den Grenzlehrpfad gespendet, die an der Straße zwischen Obersuhl und Untersuhl steht. Fotos:  Meyer

Obersuhl. Vor 25 Jahren trat die DDR der Bundesrepublik bei. Wir trafen sechs Zeitzeugen in Obersuhl, die von Teilung, Grenzöffnung und Wiedervereinigung erzählen.

Der letzte Appell

Karl Kaufmann

Hans-Karl Gliem aus Obersuhl war Beamter beim Bundesgrenzschutz. Die Erinnerung an den 3. Oktober 1990, den Tag der Wiedervereinigung, ist für ihn sehr lebendig: Mit ihm versammelten sich über 300 BGS-Beamte zum Appell am Ortsausgang von Obersuhl, um von der Bevölkerung Abschied zu nehmen und die Einheit zu feiern. Mehr als 2000 Menschen aus Ost und West waren dabei, als die Beamten im offenen Viereck Aufstellung nahmen. Das Musikorchester des BGS spielte nach einem ökumenischen Gottesdienst die Nationalhymne.

Hinterher gab es Thüringer Bratwürste und Eintopf aus der Gulaschkanone. Viele der Grenzer hatten hier Familien gegründet und eine Heimat gefunden. „Wir wussten, dass nicht alle ihre Dienststellen behalten konnten und versetzt würden“, beschreibt Gliem auch die Wehmut dieses Tages. Aber: „Es herrschte kein Groll, sondern Freude über die Wiedervereinigung.“

Beinahe ein Grenzkonflikt

Ob der Obersuhler Fritz Schäfer 1981 um Haaresbreite einen Grenzkonflikt zwischen zwei Staaten ausgelöst hätte? Ein Bulle, der sich nicht um die Grenze scherte, war aus einer Obersuhler Metzgerei auf DDR-Gebiet gerannt. Kurz entschlossen liefen Schäfer und ein anderer Mann dem Tier hinterher, obwohl das Betreten des Grenzstreifens streng verboten war.

Fast eine Stunde lang jagten sie vergeblich den Bullen, unter den Augen von Bundesgrenzschutz, Zoll und Pressevertretern. Erst eine rindernde Kuh, die Schäfer herbeischaffte, lockte das Tier zurück in den Westen. Der Vorfall blieb ohne Konsequenzen. Die DDR-Grenzer, vermutet Schäfer, haben ihn entgegen der Vorschrift vermutlich nicht gemeldet.

Odyssee zur kranken Mutter

Fritz Schäfer

Der Obersuhler Karl Kaufmann stammt aus dem thüringischen Herda und war 1962 in den Westen geflüchtet, als das noch möglich war. Er erinnert sich an einen Tag im Jahr 1987, als er seine schwer kranke Mutter in der thüringischen Heimat besuchen wollte. Noch heute macht ihn wütend, dass er vom Grenzübergang Herleshausen durch Amtsstuben der DDR in Eise-nach bis zu seiner Mutter eine wahre Odyssee auf sich nehmen musste, die über 14 Stunden dauerte - und das, obwohl es nur wenige Kilometer Luftlinie zu überwinden galt.

Aus der Wanne an die Grenze

Der gebürtige Dankmarshäuser Silvio Liebchen war bei den Grenztruppen der DDR und überwachte den Grenzstreifen oftmals vom noch vorhandenen Turm bei Obersuhl aus. Er lag nach Dienstschluss in der Badewanne, als er am Abend des 11. November 1989, zwei Tage nach der von Günter Schabowski verkündeten Ausreiseerlaubnis, ans Telefon gerufen wurde: Grenzalarm.

Silvio Liebchen eilte in der Dunkelheit zur Autobahn. Hier begannen Pionierarbeiter damit, das Gassentor in dem über die Fahrbahn verlaufenden Zaun zu öffnen. Am nächsten Morgen, um 10 Uhr, durften Autos das Tor passieren. Liebchen: „Vorher waren Gespräche mit BGS-Beamten verboten. Jetzt war das auf einmal möglich.“

Mit getanzt

Der Obersuhler Horst Schaub erlebte jene Nacht als westdeutscher Zollbeamter. Zwei Kollegen, erinnert er sich, vernahmen Geräusche von der anderen Seite der Grenze und verständigten die Kollegen über Sprechfunk. „Es war dunkel, wir haben nichts gesehen“, erinnert er sich. Bürgermeister Willi Müller kam dazu und rief über die Grenze, bekam aber keine Antwort. Es dauerte, bis die Bediensteten der beiden Staaten miteinander ins Gespräch kamen. Als die Grenze dann geöffnet wurde, war die Freude groß. Aus Herda kam die Kirmesgesellschaft, und Schaub erinnert sich: „Unser Kommandeur hat mit denen getanzt.“

Doppeltes Begrüßungsgeld

Karl Schöppner aus Obersuhl erinnert sich an einen Tag im Jahr 2011. Schöppner feierte im Bürgerhaus, als ihn ein Mann aufsuchte, der erfahren hatte, dass Schöppner sich für den Genzlehrpfad und die Erinnerung engagierte.

21 Jahre lang habe ihn das schlechte Gewissen darüber geplagt, dass er sich nach der Grenzöffnung als DDR-Bürger zweimal für das Begrüßungsgeld der Bundesrepublik angestellt hatte. Der Mann gab Karl Schöppner einen Umschlag. Darin waren 150 Euro für den Geschichtsverein Obersuhl. Seinen Namen, erinnert sich Schöppner, verriet der Mann allerdings nicht.

Einheitsfeiern in Bosserode

Am Samstag, 3. Oktober, um 10 Uhr feiern die Kirchengemeinden von links und rechts der Werra einen gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst in der Mehrzweckhalle Bosserode. Um 14 Uhr folgt dort der Festakt mit Festansprachen von Martina Werner, Mitglied des Europaparlaments, und Dr. Michael Militzer, Vorstandsvorsitzender der Mitec Automotive AG. Um 16 Uhr beginnt das Bürgerfest, unter anderem mit Hüpfburg und Spielen für Kinder und einem Kindertheater um 17 Uhr.

Am Sonntag, 4. Oktober, um 14 Uhr findet eine geführte Wanderung entlang des Grenzlehrpfads mit Zeitzeugen statt. Treffpunkt ist am Parkplatz Schwarzer Weg am Ortsende von Obersuhl.

Quelle: HNA

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