Elektrifizierung der Bahnstrecke 1961/62 – riesige Mengen Steine und Erde wurden bei Braunhausen bewegt

Berg und Tunnel müssen weichen

Ungefähr hier fuhr die Bahn früher in den Tunnel. Heute durchquert sie ein Tal. Fotos: Meyer

Braunhausen. Die Landschaft mit ihren mit Birken, Weiden, Buchen und Kirschbäumen bewaldeten Hängen gibt ihr Geheimnis nicht gleich preis. An der höchstgelegenen Stelle neben der Landstraße von Braunhausen nach Asmushausen stehen als unauffälliges Denkmal große Steine, in die die Zahlen 1873 und 1875 gemeißelt sind. Die Steine, erklärt ein Text im Schaukasten nebenan, gehörten einst zum Südportal des Braunhäuser Tunnels. Der Ruß zahlloser Lokomotiven hat sie schwarz gefärbt.

Sie erinnern an ein Bauwerk, das es nicht mehr gibt, und an einen groß angelegten Eingriff des Menschen in die natürliche Architektur der Landschaft.

Eugen Claus ist 66 Jahre alt und Ortsvorsteher von Braunhausen. Aus Kindertagen hat er noch den langen und hohen Pfeifton im Ohr, mit dem die Dampflokomotiven ihre Einfahrt in den 293 Meter langen Tunnel ankündigten. Im Jahr 1875 war der Braunhäuser Tunnel der Verbindung Bebra-Göttingen fertiggestellt worden.

Die Umstellung auf Elektrozüge erforderte eine Oberleitung, für die im Tunnel aber kein Platz war. Die Verantwortlichen bei der Bundesbahn diskutierten verschiedene Möglichkeiten. Es fiel die Entscheidung, den hinderlichen Berg einfach abzutragen – 650 000 Kubikmeter Erde und Gestein.

Die Einrichtung der Baustelle im Jahr 1961, erinnert sich Friedhelm Herbst aus Asmushausen, war eine Sensation. Eugen Claus hält die Hand an die Stirn. So hoch waren allein die Reifen der gigantischen amerikanischen Räumfahrzeuge, die anrückten, sogenannte Scraper.

Ein Zeitungsartikel verrät: In einem einzigen fünfminütigen Arbeitsgang schürften diese Monster 20 Kubikmeter Boden und Gestein, während sich riesige Planierraupen in den Berg fraßen. Jeden Tag zerrten die Maschinen 7000 Kubikmeter Masse aus dem Berg, und das über Monate. Die Baustelle sah aus wie eine Mondlandschaft. Anfang 1962 stießen die Bautrupps auf die freigelegte Tunnelröhre aus Ziegelmauerwerk, durch die auf einem Gleis weiter Züge

40 Meter tiefes Tal und neue Hänge bei Asmushausen

rollten. Ein Stahlkorsett im Inneren der Röhre aus Gerüsten und Panzerplatten schützte die Züge vor herabstürzendemGestein. Pressluftgeräte und Sprengladungen kamen zum Einsatz. Am Donnerstag, dem 4. Oktober 1962, knackten die Arbeiter die letzten Reste der Tunnelröhre, verluden sie und transportierten sie ab. Das neu entstandene Tal war 40 Meter tief. Die Masse des fortgeschafften Erdmaterials bildete bei Asmushausen riesige neue Hänge. Ein starker Erdrutsch (Artikel unten) im Mai 1962 warf die Arbeiten zurück.

Trotzdem bilanzierte der Fulda-Bote im Oktober 1962: „Während der gesamten bisherigen Arbeiten auf der Großbaustelle ist kein ernsthafter Unfall passiert.“ Im Dezember vermeldet die Zeitung: „Der zweigleisige Bahnbetrieb konnte wieder aufgenommen werden.“ (zmy)

Von Achim Meyer

Quelle: HNA

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