Das Fest wächst von Jahr zu Jahr

Beim Mittelalterfest auf der Tannenburg flog Schandgemüse

Einzug der Musikanten und Gaukler: Der Eröffnung des Fests durch den Herold ging ein Spektakel auf dem Marktplatz voraus.

Nentershausen. Beim Mittelalterfest auf der Tannenburg zeigten die Ritter raue Sitten. Einen fiesen Spaß gab es beim Bettler am Pranger, der mit Schandgemüse beworfen werden durfte.

Ein dünner Rauchfaden steigt aus dem Sandgefäß empor, in dessen Mitte ein kleines rundes Stück Kohle liegt, und die umstehenden Besucher strecken ihre Nase vor, um besser einatmen zu können. Wenn der Mittelaltermarkt auf der Nentershäuser Tannenburg ein Fest für alle Sinne war, dann war Karl-Heinz Welling, der Mann mit dem Pferdeschwanz und der Bernsteinkette um den Hals, für die guten Düfte zuständig.

„Colophonium“, „Palästina König“, „Eritrea Weihrauch“ oder „Drachenblut“ heißen die Mischungen in den rechteckigen Kästchen der Auslage, deren Bestandteile an farbige Steinchen, bunte Kräuter oder auch Sägespäne erinnern. Karl-Heinz Welling hat sie zusammengestellt, teils nach Rezepten, die 2000 oder 4000 Jahre alt sind. Das erzählt er den Besuchern, die sich stets zahlreich um seinen Stand versammeln und nicht nur an den Düften, sondern auch an den Geschichten interessiert sind.

Mittelalterfest auf der Tannenburg

„Das macht gute Träume“, erklärt Welling die Wirkung einer Mischung namens Kyphi, die sich aus Wacholderbeeren, Myrrhe, Koriander, Waldhonig und mindestens zehn weiteren Zutaten zusammensetzt. Eine andere Räuchermischung soll den Liebeszauber entfachen, wieder eine andere die Schwermut vertreiben. „Das Geruchliche ist so in den Hintergrund getreten“, sagt Welling. Das Geschenk eines Kunden, der Welling Weihrauch gab, weckte in dem gelernten Schreiner und Klavierbauer das Interesse für die Vielfalt der Düfte. Später dann versuchte er mit den Räuchermischungen sein Glück auf Mittelaltermärkten.

Gegen Mittag gleitet dann der Zug aus Musikanten und Gauklern an Wellings Stand und den anderen Marktständen mit Leckereien und Kunsthandwerk vorbei. Es folgt die offizielle Eröffnung des Festes, das inzwischen seit vielen Jahren auf der Tannenburg stattfindet. Nicht fehlen darf der unflätige Bettler, der von Wachrittern an den Pranger geschleppt und dann von Kindern mit altem Salat beworfen wird. „Werft das Schandgemüse“, ruft der Herold.

Wie sehr das Mittelalterfest gerade in der Szene verankert ist, verrät der Blick auf das Zeltlager unterhalb der Tannenburg, das von Jahr zu Jahr wächst und sich ausbreitet. Hunderte Mittelalterfans aus ganz Deutschland leben hier mehrere Tage lang ohne modernen Komfort, gehen verschiedenen Handwerken nach und kochen über offenem Feuer.

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