Geringe Beteiligung

Auch ungültig ist Wählerwille: Analyse der Landrats-Stichwahl

Sie haben vergeblich auf den 100. Wähler gewartet: Der Wahlvorstand im Bebraer Rathaus (von links) mit Kai Wittich, Wahlvorsteher Josef Tries, Klaus Großkopf, Marco Zobel, Doris Kandler, Steffen Apel und Björn Wittich zählte 99 Stimmen aus. Foto: Eyert

Hersfeld-Rotenburg. Der Vorsprung, mit dem Dr. Michael Koch die Landratswahl gewonnen hat, ist gestiegen. Das gilt auch für die Enthaltsamkeit vieler Wähler. Eine Analyse der Stichwahl.

Beim ersten Wahlgang lag Koch knapp sechs Prozentpunkte vor Künholz. Sein Vorsprung betrug 2089 Stimmen. In der Stichwahl ist er noch einmal deutlich angewachsen auf 5198 Stimmen. Doch der klare Sieg täuscht nicht darüber hinweg, dass Koch nur von einer Minderheit das Vertrauen erhalten hat. Bei einer Wahlbeteiligung von 32,4 Prozent bedeuten seine 18 150 Stimmen, dass der neue Landrat nicht einmal von jedem fünften Berechtigten gewählt wurde. Vielleicht fiel deshalb Kochs Jubel am Wahlabend eher verhalten aus.

Gemengelage von Desinteresse 

Doch woher kommt die Zurückhaltung der Wähler? Zweifellos ist es eine Gemengelage aus Desinteresse, Vergesslichkeit, auch Bequemlichkeit, weshalb Menschen nicht an die Urnen gehen. Einen Sieger gibt es ja so oder so, man muss sich gar nicht entscheiden.

Die Beteiligung ist umso geringer, je städtischer und sozial schwieriger der Wahlbezirk strukturiert ist. So gaben am Helfersgrund in Bad Hersfeld zwölf von 13 Wahlberechtigten ihre Stimme nicht ab. Eine enttäuschend geringe Wahlbeteiligung von 7,6 Prozent.

Gesellschaftliche Kontrolle 

In kleinen Orten scheint die gesellschaftliche Kontrolle hingegen noch zu funktionieren. Man geht wählen, und sei es, um nicht aufzufallen. Wer sich für keinen der beiden Kandidaten entscheiden will, der macht dann eben kein Kreuz. Der Ludwigsauer Ortsteil Hainrode zum Beispiel hatte mit 55,4 Prozent eine der höchsten Wahlbeteiligungen im Landkreis - aber auch den höchsten Anteil ungültiger Stimmen (22,6 Prozent).

Ungültige Stimmen 

Doch auch mit einer ungültigen Stimme nimmt man ja noch aktiv an der Demokratie teil - im Unterschied zu jenen, die gar nicht erst zur Wahl gehen. Immerhin 579 Bürger nutzten die Möglichkeit, den Stimmzettel ungültig zu machen. Das geschieht in der Regel aus Absicht, weiß man beim Kreiswahlamt, nicht aus Unvermögen und ist damit eine klare Willensbekundung, die der angehende Landrat Koch ernst nehmen sollte.

Stichwahl im Kreis Hersfeld-Rotenburg: Die Bilder des Abends

Diese Wähler sind nicht für die Demokratie verloren, ihnen hat diesmal nur kein Kandidat zusagt. Im Schwalm-Eder-Kreis, wo am Sonntag ebenfalls der Landrat gewählt wurde, haben die Bürger übrigens noch häufiger zu diesem Mittel gegriffen: Die Quote der ungültigen Stimmen lag bei 2,7 Prozent, in Hersfeld-Rotenburg nur bei 1,8 Prozent.

Der Landrat „da oben“ 

Nach dem ersten Wahlgang wurde auf Facebook eifrig über die Beteiligung diskutiert. Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald zog den Zorn vieler Nichtwähler auf sich, die er an ihre „Bürgerpflicht“ erinnerte. Sie führten Politikverdrossenheit als Grund für die Wahlenthaltung an. Die Kommentare deuten darauf hin, dass sogar der Landrat schon als Teil eines undurchsichtigen Politikbetriebs „da oben“ gilt.

Dabei bietet seine Direktwahl genau die Einflussnahme auf die Politik vor Ort, die Verdrossene oft vermissen. Die Alternative ist unklar: Wie soll eine demokratische Teilhabe aussehen, wenn nicht durch gleiche, freie und geheime Wahlen?

Neu ist das Problem fehlender Beteiligung jedoch nicht. Schon vor fast 2500 Jahren beschwerte sich Perikles von Athen: „Wer an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger.“

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Quelle: HNA

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