Statt Urlaub: 21-Jährige hilft Menschen auf der Flucht

Angst vor Gewalt und Vergiftung: Bebranerin erzählt aus dem griechischen Flüchtlingslager

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Im Inneren der Halle: Viele der Flüchtlinge sind auf Spenden angewiesen, Geld haben die meisten keines mehr. Die Flüchtlingslager um Thessaloniki sind nach der Räumung von Idomeni (nahe der Grenze zu Mazedonien) entstanden.

Thessaloniki/Bebra. Sie wollte Urlaub machen, doch dann sah sie das Elend im griechischen Flüchtlingslager. Spontan entschied sich Melina Brandt aus Bebra zu helfen - und arbeitet jetzt im Lager in der Nähe von Thessaloniki. Uns erzählte sie von ihrem Alltag zwischen all den Flüchtlingen.

Eigentlich wollte die 21-jährige Melina Bardt aus Bebra im griechischen Thessaloniki nur Urlaub machen. Sie kam gerade aus Spanien, und wollte im Anschluss weiter nach Israel und Palästina. Doch dann kam sie mit einem Flüchtling ins Gespräch und begab sich mit ihm ins Lager „Oreo Castro“, nördlich der Stadt, ein Flüchtlingslager in einer alten Fabrikhalle. Dort wohnt sie nun bis Ende August bei einem Pharmazeutiker und dessen Familie.

„Das größte Problem ist die Kommunikation. Keine Organisation weiß, was die andere macht. Von 1200 Flüchtlingen sprechen etwa 30 Englisch“, berichtet Bardt. Auch sonst ist die Kommunikation chaotisch. „Es wird wenig inhaltliches besprochen. Es gibt einen Rat im Lager, der auch für die Flüchtlinge offen ist. Davon haben diese aber erst letzte Woche erfahren.“

Termine werden verschoben

Registrierte Flüchtlinge wollten ohnehin nicht in Griechenland bleiben, da sie in Griechenland keine Zukunft sehen. Um weiter nach Europa zu reisen, müssten drei Interviews mit den Behörden geführt werden. „Nur ein kleiner Anteil der Flüchtlinge hat überhaupt das erste Interview geführt. Andere warten seit zwei Jahren auf das dritte Interview. Und die Termine werden immer wieder verschoben“, so Bardt.

Lebt noch bis Ende August mit im Lager: Melina Bardt aus Bebra lebt zur Zeit im Flüchtlingslager „Oreo Castro“ im griechischen Thessaloniki.

Die Flüchtlinge sind in der Fabrikhalle abgeschottet von der Außenwelt. Bewusst, meint Bardt. Sie hat sich ins Lager eingeschlichen: „Mit den richtigen Klamotten kommt man schon rein. Die Helfer verschaffen sich so Zutritt, auch um Kontakt nach draußen herzustellen, um zum Beispiel Medikamente zu holen.“ Der Pharmazeutiker, bei dem sie lebt, beschafft sich so auch seine Medikamente, um anderen Bewohnern zu helfen. Viele meiden die Klinik im Lager. Die Flüchtlinge organisierten das meiste selbst, von der griechischen Regierung komme nichts. Der Rat versuche das Lager zu vereinen, damit sie ihre Situation verbessern können. Bardt hilft ihnen dabei, vermittelt zwischen verschiedenen Parteien, schafft Kontakt zur Außenwelt. Und will, dass Leute erfahren, wie es innerhalb von Flüchtlingslagern aussieht. Personen und kleinere Organisationen, die keine Lizenz besitzen, dürften das Lager eigentlich nicht betreten. Essensspenden würden am Eingang abgelehnt. Die Begründung der Behörden: Angst vor Gewalt und vergiftetem Essen, das verteilt werden könnte. Bardt sieht vor allem eins: „Es gibt niemanden, der sich persönlich um die Menschen kümmert. Sie benötigen Informationen. 

Es fehlt an Sozialarbeitern. Viele sind traumatisiert, haben Schlafstörungen und Depressionen. Es gibt keine psychologische Betreuung.“ Auch sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen fänden immer wieder statt, werden jedoch lieber totgeschwiegen. Die Frauen haben keinen Schutz und können auch nicht über ihre Erlebnisse reden. Schwangere, die abtreiben wollen, nehmen risikoreiche und schmerzhafte Prozeduren auf sich. 

„Der Fokus liegt auf dem eigenen Zelt. Was einige Zeltreihen weiter geschieht, bekommt man nicht mit“, so Bardt. Was im Camp passiert, bleibt auch im Camp. Sie hört viele solcher Geschichten, die unter die Haut gehen. Und beschreibt die Zeit im Lager: Zwei Tage fühlen sich wie eine Woche an. Dennoch will sie bis Ende August bleiben, um zu helfen.


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