Wie Sexualisierung in der Medienlandschaft heute auf Jungen und Mädchen wirkt

Wie Sexualisierung in den Medien auf junge Leute wirkt

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Ein Impuls, der für Widerspruch sorgte: Sozialwissenschaftlerin Dr. Anita Heiliger sprach vor den Teilnehmern der Fachtagung über die zunehmende Pornografisierung der Gesellschaft.

Hersfeld-Rotenburg. Alles auf Anfang in der Geschlechterdebatte? Sind Mädchen Opfer, werden sie wieder auf ihr Aussehen, ihr Geschlecht reduziert?

Wachsen Jungen, unterstützt durch sexualisierte Werbung und freien Zugang zu Pornoseiten im Internet, in dem Bewusstsein auf, dass Mädchen einfach benutzt werden können, aber keine gleichwertigen Partner sind?Fragen, die kürzlich bei einer Fachtagung im Kreisjugendhof behandelt wurden. Dazu hatte die Arbeitsgemeinschaft Mädchen im Kreis Hersfeld-Rotenburg in Zusammenarbeit mit dem Frauenbüro, der Jugendhilfe des Kreises und dem Netzwerk gegen Gewalt eingeladen. Das Interesse von Pädagogen war groß, sie kamen auch aus Nachbarkreisen, um über die Auswirkungen auf Mädchen und Jungen einer sexualisierten Kultur in der Medienlandschaft zu diskutieren.

Keine Ergebnisse

Dabei zeigte sich schnell, dass eine Tagung allein diesem Thema nicht gerecht werden würde. Deshalb, so berichtete die Frauenbeauftragte des Kreises, Ute Boersch, soll das Thema noch einmal vertieft werden. Greifbare Ergebnisse habe es auch in der Gruppenarbeit nicht gegeben. Einigkeit bestand darin, dass alle Pädagogen gerade im Bereich Pornografie ihre Haltung gegenüber den Jugendlichen konfliktbereit verteidigen sollten und nicht durch eventuell auch falsch verstandene Toleranz verwässern lassen dürften.

Beleidigungen nehmen zu

Dass es Probleme gibt, haben Jugendsozialarbeiter durchaus bemerkt: Sexuelle Beleidigungen nehmen auch auf dem Schulhof zu, hat zum Beispiel Thora Maentel-Pogodsky bemerkt. Sie ist Sozialarbeiterin an der Rotenburger Jakob-Grimm-Schule und arbeitet in der AG Mädchen mit: Mädchen in der Pubertät seien sich durchaus ihrer Sexualität bewusst und kleideten sich manchmal auch entsprechend. Häufig ernteten sie dadurch wüste Beschimpfungen wie Schlampe oder „Bitch“ (etwa Hure) – nicht nur von Jungen, sondern auch von Mädchen. Maentel-Pogodsky spricht in dem Zusammenhang von einer Entsolidarisierung unter Mädchen. Sie würden überall mit Sexualität konfrontiert, dürften aber ihre eigene nicht ausleben, weil sie sonst mit Diffamierungen rechnen müssten.

Frauenbeauftragte Boersch beklagt, dass es unter Mädchen kein Geschichtsbewusstsein für das eigene Geschlecht gebe. Die Frauenbewegung sei immer noch kein Schulthema.

Und die Jungs? Haben es offenbar auch nicht leicht. Ihnen einen respektvollen Umgang mit Mädchen zu vermitteln, wenn sie immer noch oder schon wieder mit einem sexualisierten Frauenbild aufwachsen, ist schwer, weiß auch Jens Mikat von der Jugendhilfe. Dass es dieses Bild verstärkt gibt, hat nach Einschätzung von Elvira Idt vom Netzwerk gegen Gewalt auch damit zu tun, dass Frauen eigentlich auf dem Vormarsch sind: Sie sind gut ausgebildet und erfolgreich erwerbstätig. Die zunehmende Sexualisierung sei ein Versuch, diese Position von Frauen zu unterminieren. Auch Ute Boersch glaubt, Pornografisierung diene dazu, alte Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau zu zementieren.

Von Silke Schäfer-Marg

Quelle: HNA

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