Suche nach Identität: Der 22-jährige „Teddy“ Wordofa ist Deutscher und Äthiopier

Afrikas heißer Atem

Bad Hersfeld. Schon als kleiner Junge merkt Tedros B. Wordofa, den alle nur Teddy nennen, dass er anders ist. Als er zur S-Bahn rennt, stolpert er auf dem Bahnsteig und fällt hin. Sofort ist eine ältere Dame da, um ihm zu helfen. Doch als sie sein Gesicht unter der Kapuze sieht, zuckt sie zurück. Teddy ist schwarz.

Diese anfängliche Zurückhaltung, die Scheu vor dem Fremden, hat der junge Mann später noch oft erlebt. „Aber die Hautfarbe zählt nur auf den ersten Blick“, sagt Teddy, „wenn Menschen offen sind, dann ist die Herkunft kein Problem mehr.“

„Ich bin nicht allein, sondern ich habe noch einen anderen Vater“.

„Teddy“ Wordofa

Der 22-Jährige sitzt in dem licht-durchfluteten Versammlungsraum der Pfingstkirchlichen Gemeinde in Bad Hersfeld. An der Wand ein Holzkreuz, sonst erinnert nicht viel in dem schlichten Ladenlokal an eine Kirche. Hier absolviert Teddy bis Ende März im Rahmen seines Theologiestudiums ein Praktikum bei Pastor Ralph Habener aus Wippershain.

„Teddy hat das Herz der Gemeinde schnell erobert“, sagt Pastor Habener. Kein Wunder. Wenn Teddy spricht, dann begleiten viele weitausholende Gesten seine Worte. Er zappelt auf dem Stuhl, lächelt viel, die weißen Zähne blitzen in dem dunklen Gesicht.

Teddys Mutter stammt aus Eritrea, der Vater aus Äthiopien. Als Baby kommt der Junge mit seinen Eltern nach Frankfurt. In ihrer Heimat tobt ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den beiden Nachbarstaaten. Selbst im sicheren Deutschland, in der äthiopischen Kirchengemeinde in Frankfurt, spürt Teddy die Spannung zwischen den Volksgruppen.

Dort lernt Teddy auch seine Muttersprache. Er ist hin- und hergerissen zwischen den Kulturen. „Eigentlich sehe ich mich als Deutscher, ich identifiziere mich mit der Sprache und der Kultur.“ Und doch merkt er irgendwann. „Hey, ich bin Äthiopier, ich spüre auch meine afrikanischen Wurzeln in mir.“

Teddy lebt mit dieser doppelten Identität, doch sie belastet ihn nicht. Er sei in Deutschland immer gut behandelt worden, die Toleranz der Menschen sei größer als viele meinen.

Vielleicht dauert es deshalb so lange, bis er auf die Suche nach seinen Wurzeln geht. Im Jahr 2009 reist er zum ersten Mal nach Äthiopien, auf der Suche nach der Familie seines Vaters, zu dem er schon seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hat.

Die ersten Eindrücke sind intensiv: Armut, Enge, Hyänen direkt am Straßenrand in der Großstadt. „Vor allem der Geruch ist überwältigend“, erzählt Teddy. Staub, Hitze, Holzbrand – sie vermischen sich zu dem unvergesslichen, einmaligen Atem Afrikas.

In Äthiopien erlebt Teddy eine nie gekannte Gastfreundschaft. „Die Menschen besitzen zwar fast nichts, aber sie sind sich sehr nah und teilen alles“, sagt er. Gelebte Nächstenliebe sei das, meint Teddy. Schließlich findet er sogar seine Angehörigen, Tanten und Onkel – mit Tränen in den Augen liegen sie sich in den Armen. „Dabei hat mir mein Glaube geholfen“, sagt Teddy, „ich bin nicht allein, sondern ich habe noch einen anderen Vater“.

Diesen Glauben will Teddy nach seinem Theologie-Studium weitergeben. „Es gibt hier in Deutschland viele Menschen, die Gottes Wort noch nicht gehört oder verstanden haben.“ Deshalb will er sich hier in einer Gemeinde engagieren. „Deutschland hat mir viel gegeben, nun will ich etwas davon zurückgeben.“

Teddy hat seinen Platz im Leben offenbar gefunden.

Von Kai A. Struthoff

Quelle: HNA

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