Älter als zwei Leben

Lehrer Schmidtkunz pflanzte Niedergudes Dorflinde – vor 175 Jahren

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Früher und heute Treffpunkt für Kinder und Jugendliche: Leon -links - und Adrian ruhen sich aus unter der Linde.

Niedergude. Ein grünes Zweiglein des besonderen Baumes hat Ottmar Schäfer seinem Sohn nach Afghanistan geschickt, wo der als Soldat stationiert ist.

Für Schäfer, ehemals Ortsvorsteher von Niedergude, sind die Lindenblätter das naheliegendste Symbol, den Sohn an die Geborgenheit der Heimat zu erinnern.

Die Niederguder Dorflinde wird in diesem Jahr 175 Jahre alt.

Groß und erhaben steht sie unterhalb der Kirche in der Mitte des Dorfes. Die auf kurzem Stamm unregelmäßig gewachsenen Äste geben dem Charakter eines Baumes Ausdruck, der viel erlebt hat und schon länger an seinem Platz steht, als zwei Menschenleben dauern. Dass ein Lehrer namens Schmidtkunz die Linde 1838 gepflanzt hat, verriet den Niedergudern ein Eintrag in der Chronik zur 1000-Jahrfeier des Dorfes von 1960.

Die Dorflinde, das wissen die Niederguder, ist seit jeher zentraler Treffpunkt im Dorf. Richard Berge, der in Sichtweite der Linde wohnt, erinnert sich: Rund um den Baum spielten die Kinder in den 1950er-Jahren Murmeln, bauten im Herbst aus Laubbergen Autos und Häuser. Noch in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts feierte das ganze Dorf die Kirmes unter der Linde. Mit dem vom ersten Lehrlingsgehalt gekauften Radio, berichtet Richards Ehefrau Brigitte Berge, spielten die Jugendlichen an ihrem Treffpunkt Rockmusik, bis die Nachbarn nach Ruhe riefen.

Beim Straßenbau und der Verlegung von Kabeln, erinnert sich Richard Berge, wurde in den 60er-Jahren das Wurzelwerk des Baumes angegriffen. Heute steht die Linde als Naturschutzdenkmal unter der Obhut der Unteren Naturschutzbehörde. Die Krone wurde mehrfach gestutzt. Spanndrähte stabilisieren den Baum.

Mit ihren 175 Jahren ist die Linde nur acht Jahre jünger als das Kirchengebäude nebenan. Das Wasser, das bei Regen vom Dach der Kirche fließt, berichtet der aktuelle Ortsvorsteher Gerhard Anacker, speist den Baum. Für Ottmar Schäfer hat der große Baum in der Ortsmitte eine besondere Bedeutung: Anfang des 19. Jahrhunderts führten politische Reformen zur Selbstverwaltung der Ortschaften. Vielleicht, sagt Anacker, hätten sie erst Eigeninitiativen wie die von Lehrer Schmidtkunz möglich gemacht. Die Linde sei deshalb ein Symbol der Freiheit.

Von Achim Meyer

Quelle: HNA

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