Fachwerkhaus in Rockensüß: Dem Abriss entkommen

Rockensüß. Seit Ende März wird in Rockensüß an der Zerlegung eines Fachwerkhauses aus dem Jahr 1706 gearbeitet. Das Haus ist dem Abriss entkommen, wird  in seine Einzelteile zerlegt und bei Bonn wieder aufgebaut. Bis zu sieben Tonnen schwere Decken und Wände werden dabei im Ganzen abtransportiert.

Eigentlich hätte das über 300 Jahre alte Fachwerkhaus in Rockensüß bereits im Februar abgerissen werden sollen. Es steht in der Mitte eines Hofes, der zum Landwirtschaftsbetrieb der Familie Bender gehört. Dank eines Käufers aus dem Rheinland wird es jetzt jedoch in seine Einzelteile zerlegt, um bei Bonn wieder aufgebaut zu werden.

Seit Ende März nimmt die Firma Jako aus Baden-Württemberg das Haus auseinander. Sockelleisten und Wandvertäfelungen wurden zuerst entfernt, erklärt Vorarbeiter Jochen Christ. Von den Decken über Treppen, Fenster, Balken, eingebaute Türen bis zu den Wänden wird alles mitgenommen.

Transport auf Tieflader

Wände und Decken werden am Stück auf einem Tieflader abtransportiert. „Die Einzelteile haben ein Gewicht zwischen vier und sieben Tonnen“, sagt Christ. Vor allem beim Herausheben der Wände müsse darauf geachtet werden, dass keine Verformungen oder Bruchstellen auftreten.

Auf den Balken seines Hauses: Erik van Leeuwenstijn hat das Fachwerkhaus gekauft, um es in der Region von Bonn als Wohnhaus nutzen zu können.

Bereits vor zwölf Jahren hatten die Hofbesitzer einen Abrissantrag gestellt. „Wir hätten das Haus nicht als Wohnhaus nutzen können, wie es die Denkmalschutzbehörde vorschrieb“, sagt die Eigentümerin des Hofes, Vera Bender. Der Zustand des Hauses sei jedoch noch so gut gewesen, dass es für fünf Jahre im Internet zum Verkauf angeboten wurde.

„Die Frist war bereits vor einem Jahr abgelaufen“, sagt Bender. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen Käufer. Der Abbruch wurde genehmigt, ein Termin für Februar vereinbart. „Ich bin froh, dass es anders gekommen ist und das Haus nicht eingestampft wird“, sagt Bender.

„Als meine Frau und ich das Haus zum ersten Mal sahen, haben wir uns direkt verliebt“, sagt Käufer Erik van Leeuwenstijn. Die neuen Eigentümer hatten Glück: Da die fünfjährige Verkaufsfrist abgelaufen war, sind sie vollkommen frei in der Gestaltung. Innerhalb der fünf Jahre hätte das Haus gemäß den Denkmalschutz-Richtlinien wieder aufgebaut werden müssen. Gestaltung und Standpunkt hätten nicht frei gewählt werden können.

Grundstück gesucht

Die van Leeuwenstijns sind jetzt auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück für das 140 Quadratmeter große Haus: „Das ist gar nicht so einfach“. Doch etwas Zeit bleibt ihnen noch: Zunächst werden alle Einzelteile nach Rot an der Rot in Oberschwaben transportiert.

„Wir setzen das Haus wieder komplett zusammen“, sagt Christ. Für die Restaurierung der Einzelteile brauche man im Schnitt ein Dreivierteljahr. Etwa ein weiteres Vierteljahr dauert dann der Aufbau am endgültigen Standort. 150 000 Euro kosten allein Abbau und Transport. „Das war es uns wert“, sagt van Leeuwenstijn. Es sei faszinierend in einem Haus wohnen zu können, dass so viel Geschichte miterlebt hat. „Außerdem ist es ein Unikat.“

Von Miriam Linke

Fachwerkhaus in Rockensüß wurde abtransportiert

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Linke

Kommentare