Die zwölf letzten jüdischen Bewohner des Kreises kamen in die Vernichtungslager

Abfahrt im Morgengrauen

Jüdisches Leben in Rotenburg: Unser Bild zeigt den Schächter Viktor Falkenstein, Zweiter von links, mit Metzgermeister Witzel, in der Badegasse. Viktor Falkenstein war der letzte Jude in Rotenburg. Repros: Nuhn

Rotenburg. „Rotenburg judenfrei!“ – so steht es im Rotenburger Tageblatt vom 11. November 1938. Und zwar eingerahmt und mit Fettdruck in großem Schriftgrad. In ihrem Übereifer war die damalige Lokalzeitung der Realisierung ihrer „Erfolgsmeldung“ um knapp vier Jahre voraus. Tatsächlich war die Stadt Rotenburg „erst“ am Abend des 6. September 1942 ohne jüdische Bewohner, ebenso Baumbach, Bebra und Sontra.

In diesen Ortschaften des damaligen Landkreises Rotenburg waren einzelne Bürger jüdischen Glaubens noch fast ein Jahrzehnt nach der Hitlerschen Machtübernahme verblieben – rechtlos und in ihrer Existenz gefährdet. Es waren alles ältere Menschen.

Reise nach Fahrplan

Von den insgesamt 447 jüdischen Menschen, die zu Jahresbeginn 1933 im damaligen Landkreis Rotenburg lebten, waren im September 1942 gerade noch zwölf übrig geblieben. Ihre Abschiedsstunde schlug am frühen Morgen des 6. September 1942, es war ein Sonntag. Für die zu ihrer Reise gezwungenen Fahrgäste waren Abteile in einem fahrplanmäßigen Zug reserviert worden. Die Abfahrtszeit in Bebra war 6.43 Uhr, zehn Minuten später in Rotenburg und um 6.59 Uhr in Baumbach.

„Zwecks vorheriger Konzentration“, wie es in der Verfügung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) hieß, wurden die Opfer nach Kassel in die Turnhalle der Bürgerschulen in der Schillerstraße geschafft. Die dritte und letzte Deportation, die von Kassel aus am 7. September 1942 erfolgte und insgesamt 755 Personen betraf, ging nach Theresienstadt, ein als Ghetto umfunktioniertes Garnisonsstädtchen in Nordböhmen. Der Weg des Sonderzugs führte über Bebra, Erfurt und Weimar zunächst nach Chemnitz, wo weitere jüdische Personen zusteigen mussten.

Lager überfüllt

Den Menschen wurde vorgetäuscht, sie könnten in Theresienstadt einen Alterssitz erwerben. Deshalb mussten sie einen Heimeinkaufsvertrag abschließen und dafür ihren gesamten Besitz abtreten. In Wirklichkeit aber war Theresienstadt seit Juni 1942 eine riesige Durchgangsstation für die Vernichtungslager im Osten. Schon im September 1942 war das Lager völlig überfüllt und wies katastrophale hygienische Bedingungen auf.

Vier der zwölf Deportierten aus dem Landkreis Rotenburg ließen Theresienstadt bereits nach drei Wochen hinter sich. Abraham und Jettchen Tannenberg sowie Jeanette Neuhaus aus Baumbach wurden noch im Laufe des Monats September 1942 nach Treblinka in die dortigen Gaskammern geschickt. Ebenso Johanna Oppenheim aus Bebra.

Die Genannten teilten das Schicksal von über 17 000, die in den Monaten September und Oktober 1942 von Theresienstadt in das Vernichtungslager Treblinka im östlichen Polen verfrachtet wurden. Später war dann das Todeslager Auschwitz-Birkenau das Ziel der Vernichtungstransporte aus Theresienstadt.

Von den im September 1942 aus unserer Region Verschleppten betraf dies die Rotenburger Viktor und Hanna Falkenstein sowie Adele Levinstein aus Sontra, deren Ehemann Isidor schon am 19. April 1943 in Theresienstadt umgekommen war.

Von Dr. Heinrich Nuhn

Quelle: HNA

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