Die Gaststätte Gerst in Gehau ist seit über 100 Jahren im Familienbesitz

Wirt als Zweitberuf

Traditionsgaststätte: Seit 48 Jahren ist Franz-Karl Gerst Gastwirt in Gehau. An drei Tagen in der Woche öffnet der 70-Jährige die Gaststätte gemeinsam mit seiner Frau Anna Maria. Fotos: Eisenberg

Gehau. Wenn die Rente ausgezahlt wurde, war in der Gastwirtschaft an der Alsfelder Straße in Gehau besonders viel los. In der Poststelle, die von der Wirtsfamilie betrieben wurde, holten sich älteren Männer ihr Ruhegeld ab – und gaben einen Teil davon nebenan in der Gaststube beim Dämmerschoppen gleich wieder aus. Eine Postfiliale gibt es im Gehau, das mit seinen 180 Einwohnern zur Gemeinde Breitenbach am Herzberg gehört, schon lange nicht mehr. Die Gastwirtschaft der Familie Gerst hat überlebt.

Von Großeltern übernommen

Im Jahr 1964 hatte Franz-Karl Gerst das Anwesen seiner Großeltern übernommen. Eine kinderlose Schwester seiner Mutter hatte die Gastwirtschaft zuvor geführt. Ausschank und Post waren bis in die Nachkriegsjahre hinein aber nicht der einzige Erwerbszweig der Familie gewesen. Auch eine kleine Landwirtschaft, ein Lebensmittelgeschäft und eine Möbelschreinerei hatte es ursprünglich gegeben.

Mindestens 100 Jahre, erzählen Franz-Karl Gerst und seine Frau Anna Maria, sei die Gastwirtschaft in Familienbesitz. „Wenn wir jünger wären, könnten wir hier wesentlich mehr machen“, sagt die 63-jährige Wirtin. Die Gaststätte war für das Ehepaar stets ein Nebenerwerb. Bis zur Rente arbeiteten beide bei der Post.

„Wenn die Kollegen Feierabend hatten, ging es bei uns die Arbeit nochmal richtig los“ erzählt der 70-jährige Gastwirt. Jeden Abend war die Gaststätte geöffnet und Nächte mit nur wenig Schlaf waren für die Familie normal. Denn auch wenn die Gäste länger blieben, früh am nächsten Morgen klingelte der Wecker.

Von Freitag bis Sonntag betreiben Gersts die Wirtschaft heute noch. Mittwochs ist im Sommer bei schönem Wetter der Biergarten geöffnet. „Mehr wollen wir nicht, es wird uns sonst zu viel“, sind sich Franz-Karl und Anna Maria Gerst einig.

Die Wirtsleute haben sich den gestiegenen Bedürfnissen der Gäste angepasst. 1965 hatte Gerst, der gelernter Metzger ist, mit dem Kochen angefangen. Anfangs gab es Eisbein aus der Dose, später Hähnchen, heute stehen sogar Schnitzel, Steaks und Pizza auf der Speisekarte. „Zum Essen kommen sogar Gäste aus Bad Hersfeld zu uns“, erzählt Anna-Maria Gerst stolz.

Treffpunkt junger Leute

Was aber nicht heißt, dass die Dorfbewohner fernbleiben. „Die jungen Leute treffen sich bei uns, bevor sie in die Nachbarorte zur Kirmes fahren.“ Und obwohl die Vereine im Ort mittlerweile ihr eigenes Vereinsheim haben, werde das Essen für Vereinsfeste im Gasthaus bestellt.

Dennoch, wie lange die Gaststätte noch fortgeführt wird, ist ungewiss. „Unsere Kinder helfen mit. Übernehmen möchte aber keiner“, erzählt Anna Maria Gerst. „Wenn einer von uns beiden ausfällt, ist Ende“, sind sich beide einig. Dieser Tag sei aber noch nicht in Sichtweite. Gersts blicken schonmal ins Jahr 2014: Dann könnte Franz-Karl Gerst sein 50-jähriges Jubiläum als Gastwirt feiern.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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