250 Dinge, die wir an der Region mögen (234): Das Rathaus in Oberaula

Die Verwaltung mit Zellen

Oberaula. Wo früher die schweren Jungs eingesperrt wurden, befinden sich heute zwei Wandschränke: Das Rathaus in Oberaula hat noch zwei historische Zellentüren. Es diente lange Zeit als Gerichtsgebäude. Vier Zellen im zweiten Obergeschoss gab es für Straftäter. Heute sitzt in dem Gebäude, das im Jahr 1843 fertiggestellt wurde, hingegen die Gemeindeverwaltung – „Ich arbeite in Zelle drei“, heißt es bei einem Mitarbeiter im Scherz.

So war auch die Holocaust-Überlebende Marga Spiegel aus Oberaula in einer der Zellen eingesperrt. 1936 wurde die damals 24-jährige Jüdin aufgrund des erfundenen Vorwurfs eines Oberaulaer Anwohners verhaftet und mehrere Tage im Gefängnis inhaftiert.

Gitterstäbe entfernt

Auch ihr Vater, Siegmund Rothschild, der eine Färberei betrieb, kam in Schutzhaft. Allerdings saßen auch weniger prominente Gefangene in den Zellen ein – wie ein Wurstdieb aus einem Ortsteil. Das Gefängnis im Obergeschoss wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr benutzt, zuvor dienten die vier Zellen dazu, kurzfristig Straftäter unterzubringen. Die Gitterstäbe an den Fenstern wurden ebenfalls entfernt.

Bei der Sanierung des Rathauses 2002 wurden die ehemaligen Zellen zu Büroräumen umgebaut. Aus Gründen des Denkmalschutzes wurden zwei der Türen erhalten. Das Archiv, das bis dahin in den Gefängniszellen untergebracht war, fand dann seinem Platz unter dem sanierten Dach.

Den Neubau eines Justizamtes, wie es damals nie hieß, regte 1832 der Amtmann Theodor Giller an, heißt es in der Chronik Oberaulas. Das alte Amtshaus befand sich, wo heute das Gasthaus Zur Linde steht, es galt als baufällig. Eine Zelle war nicht mehr sicher, die andere galt „infolge der Dünste aus dem Kuhstall [als] gesundheitsschädlich.“

So entstand das Gerichtshaus mit Zellen und Wohnung für einen Justizbeamten. 1845 wurde das Gebäude bezogen. Neben Oberaula gab es im Altkreis Ziegenhain im 19. Jahrhundert noch Gerichte in Neukirchen, Treysa und Ziegenhain. 1943 wurde Oberaula eine Zweigstelle des Amtsgerichts in Treysa.

Seit 1969 müssen die Oberaulaer das Treysaer Gericht aufsuchen – die Rechtsprechung vor Ort ist Geschichte. Zuletzt wohnte Justizhauptsekretär Hans Harle mit seiner Familie in dem Haus, der nach der Auflösung umzog. Später kaufte die Gemeinde das Gebäude, die Verwaltung zog drei Jahre später dort ein.

Von Claudia Schittelkopp

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