Jüdische Besucher wandelten in Niederaula auf den Spuren ihrer Vorfahren

Suche nach den Wurzeln

Besucher jüdischen Glaubens in der evangelischen Kirche am Holocaust-Gedenklicht: links Heidi Rössing aus Niederaula, Vierte von links ist Dr. Eva Lecerof, deren Vorfahren in der Aulatalgemeinde lebten. Foto: Miehe

Niederaula. Zehn jüdische Besucher aus Schweden, Israel und den USA wandelten kürzlich auf den Spuren ihrer Ahnen in Niederaula. Dr. Eva Lecerof, Urenkelin des Niederaulaer Manufakturen- und Gemischtwarenhändlers David Levi (1859-1914), besuchte mit ihrem Mann Harry, ihrem Bruder Walter und Cousinen sowie einem Cousin die Stätten ihrer deutschen Vorfahren.

Heidi Rössing war ihre Ansprechpartnerin vor Ort, widmet sie sich doch seit Jahrzehnten der Geschichte der jüdischen Mitbürger in Niederaula. Eva Lecerof, 1936 in Duisburg geboren, – ihre Großeltern waren von Niederaula zunächst nach Fulda und ihre Eltern dann nach Duisburg verzogen – war 1939 mit einem Kindertransport mit weiteren 500 Kindern nach Schweden verfrachtet worden. Ihre Mutter erhielt in Anbetracht dessen, dass sie als Dienstmädchen in Schweden eine Arbeitsstelle in Aussicht hatte, ebenfalls eine Einreisegenehmigung; ihrem Vater wurde jedoch die Einreise verweigert. Er wurde nach Auschwitz deportiert und kam dort 1942 um.

Umfangreiche Forschung

Heidi Rössing hat in Niederaula jüdisches Leben seit dem 16. Jahrhundert nachgewiesen. 2004 veröffentlichte sie ihr umfangreiches Forschungsergebnis in der neuen Gemeindechronik. 1888 lebten ihren Recherechen zufolge im Ort 145 Juden und 915 Christen. Nach 1900 war die Blüte des örtlichen jüdischen Lebens mit eigener Synagoge und jüdischer Schule schon vorbei – nach und nach zogen immer mehr Menschen jüdischen Glaubens in Städte, so auch die Vorfahren von Dr. Lecerof. Im Juni 1933 lebten in Niederaula laut einer Volkszählung noch 76 Juden. Wer konnte, wanderte im Dritten Reich aus. Im September 1942 wurden die letzten beiden Juden nach Theresienstadt deportiert.

Das jüdische Leben ist aber in der Marktgemeinde nicht ganz dem Vergessen anheimgefallen . Ein ständig brennendes Licht in der Kirche, vom Arbeitskreis „Pro Ökumene“ 1988 gestiftet, soll als Mahnung an die Opfer des Holocausts erinnern.

Diese Gedenkstätte wurde von den jüdischen Besuchern während ihres Rundganges mit besonderer Freude und Genugtuung gewürdigt. Heidi Rössing führte sie ebenfalls zu der Stelle, an der das Haus der Familie Levi und die Synagoge gestanden hatten. Zuletzt besuchte die Gruppe noch den jüdischen Friedhof, wo sich noch einige Grabsteine der Vorfahren befinden.

Von Brunhilde Miehe

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