Zwei Kirchheimer müssen sich wegen Prügeln für Stiefvater vor Gericht verantworten

Mauer des Schweigens

Fulda/KIrchheim. Während einer Familienfeier in Kirchheim sollen zwei Brüder ihren Stiefvater mit einem Baseballschläger schwer verletzt haben. Bei der Aufklärung stößt das Landgericht Fulda jetzt auf Hindernisse: Die Konfliktparteien, die familiäre Wurzeln in Marokko besitzen, haben sich wieder versöhnt.

Staatsanwalt Stephan Müller-Odenwald klagt den heute 21 Jahre alten Koch und seinem Bruder, einem 25 Jahre alten Wirt, wegen versuchten Totschlags an: Ihr Stiefvater wurde nach der Prügelattacke mit einem Schädel-Hirn-Traum ins Klinikum Hersfeld gebracht.

Zu der schweren Körperverletzung war es bei der moslemischen Feier einer Kindsgeburt im September 2012 in Kirchheim gekommen. 50 Gäste feierten und freuten sich auf das Abendessen, als nach Überzeugung der Anklage die zwei Brüder hereinstürmten und ohne Vorwarnung ihren Stiefvater verprügelten. Der 21 Jahre war wegen anderer Taten bereits zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt worden.

Für die Jugendkammer unter dem Vorsitzenden Richter Joachim Becker war die Aufklärung schwierig. Das Opfer, einer 36 Jahre alter Logistikarbeiter, wollte zu der Tat nichts sagen – wozu er als Stiefvater das Recht hat. Nach einigem Hin und Her zog er auch seine Bereitschaft zurück, dass das Gericht seine Aussagen bei der Polizei verwenden darf. Der Stiefvater erschien in Begleitung seiner Frau, der Mutter der Angeklagten, vor Gericht.

Die Gäste der moslemischen Feier, die als Zeugen aussagen sollten, halfen bei der Aufklärung nur wenig. Immerhin: Ein 45 Jahre alter Hausmeister erkannte den jüngeren Angeklagten sicher, den älteren Bruder wahrscheinlich – nachdem er sich zunächst lange vor einer Aussage gedruckt hatte. „Ich muss schweigen. Ich will keinen Ärger. Warum soll ich etwas aussagen? Die Leute verstehen sich wieder“, sagte er.

Der Hausmeister äußerte Zweifel an der Tatbeteiligung des älteren Bruders, nachdem ein weiterer Bruder im Zuschauerraum das Wort ergriff und sagte, er sei es gewesen, der zugeschlagen habe – was er später widerrief.

Nichts gesehen, nichts gemerkt

Ein weiterer Zeuge berief sich darauf, er sei in einer anderen Ecke der Halle gewesen, als die Schläge erfolgten. Er habe nichts gesehen. Selbst ein Zeuge, der mit an dem Tisch saß, an dem der 36-Jährige zusammengeschlagen wurde, erklärte, er habe niemanden schlagen gesehen. Auch zwei weitere Zeugen sagten aus, sie hätten zwar die Panik nach den Schlägen festgestellt, aber nicht gesehen, wer zugeschlagen habe. Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Volker Nies

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