Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg – Helga Völker besitzt Tagebücher aus dieser Zeit

Letzte Zeilen von der Front

Helga Völker ist begeistert von den Aufzeichnungen des Heinrich Kuhl. Zahlreiche Sequenzen aus dem Tagebuch hat sie abgeschrieben, weil viele heute die Sütterlinschrift nicht mehr lesen können. Fotos: Löwenberger

Oberaula. Mit 19 Jahren hat der 1888 in Christerode geboren Heinrich Kuhl begonnen, Tagebuch zu führen, und darin seine Erlebnisse beim Durchwandern fast des gesamten Ruhrgebietes als gelernter Schuster festgehalten.

Als er am 1. August 1914 den Gestell-Befehl zum Einzug in den 1.Weltkrieg bekam, hat er ein neues Buch begonnen – und darin sind seine Erlebnisse jedes einzelnen Tages bis kurz vor seinem Tod lückenlos und akribisch aufgezeichnet.

Büchlein und Feldpostkarten

Heute befindet sich das Büchlein gemeinsam mit einer Menge an Dokumenten, Unterlagen und Feldpostkarten, sowie einigen sachlichen Gegenständen in Händen von Helga Völker in Oberaula. Die hat es von ihrer Großmutter, der Schwester von Heinrich Kuhl, übernommen und in den vergangenen Monaten durchforstet, sortiert, kopiert, fotografiert, abgeschrieben und kommentiert, um es so in einem dicken Ordner auch der jüngeren Generation zugänglich zu machen – weil die die Sütterlinschrift meist nicht mehr lesen könne.

„Es ist faszinierend, wie exakt Heinrich jeden einzelnen Tag beschreibt“, sagt Helga Völker. „Fast sein komplettes Leben ist nachvollziehbar. Dass er dabei noch Zeit gefunden hat das Ganze graphisch zu gestalten oder mit Gedichten zu ergänzen, ist eigentlich nicht vorstellbar.“

Das war die Feuertaufe

Am Mittwoch, 26. August 1914, um 7 Uhr berichtet Kuhl über feindliche Flieger: „ … ein Schrapnell oder eine Granate saust über mir durch die Äste, dass kleine Zweige auf mich fielen. Das war die Feuertaufe.“ Sonnabend, 14. November, von „8.30 bis 1.30“: „…Ein schweres Schrapnell platzt über unserer Scheune mit einem furchtbaren Knall und Ziegelstücke schlugen mit großer Heftigkeit zwischen uns auf dem Stroh nieder. Wir kamen mit dem Schrecken und blauen Flecken davon.“ Kuhl beschreibt aber auch das Beerdigen von Gefallenen und das Wimmern von verletzten Kammeraden, endlose Märsche, furchtbaren Dreck und Schlamm und bittere Kälte, oder ganz ausführlich die Gestaltung des Heiligen Abend 1914 mit Bäumchen, Nüssen, Pfefferkuchen und Schokolade: „Es gibt Bier, jeder Mann einen halben Liter.“

Am 6. April 1915 schickt Heinrich Kuhl sein Tagebuch an seine Eltern zur sicheren Aufbewahrung. In einem Brief dazu fleht er seine Eltern nahezu an, dass Buch „ja nicht“ aus der Hand zu geben: „…das Buch kommt nicht aus dem Haus.“ Danach folgen nur noch Feldpostkarten, meist reich verziert. Am 10. Mai wird er bei Flirey in Frankreich schwer verwundet und stirbt am frühen Morgen des 11. Mai in Bouillionville. Auf dem dortigen Soldatenfriedhof ist er auch beerdigt.

Von Bernd Löwenberger

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