250 Dinge, die wir an der Region mögen (158): Die alte Kirche in Gehau

Glockenläuten per Hand

Über 200 Jahre wurde die Kapelle nur als „Bethaus inmitten des Totenhofs“ genutzt. Heute feiern Gehauer ab und an eine Taufe oder eine Hochzeit in ihrer Kirche. Fotos: Urban

GEHAU. Eine der kleinsten Fachwerkkapellen ganz Hessens steht im Breitenbacher Ortsteil Gehau. Es gibt nur wenig zu sagen über das schlichte Kirchlein, aber wer es einmal besucht hat, der wird es gerade ob seiner Kargheit und Ursprünglichkeit ins Herz schließen.

Regelmäßige Gottesdienste haben in der Gehauer Kapelle wohl nie stattgefunden. „Einfacher eingeschossiger Rechteckbau von 1712 mit kleinen außermittigem Dachreiter auf Satteldach. Fenster und Tür mit Stichbögen. 6/4 Gefache“, so nüchtern beschreibt sie das Buch „Fachwerkkirchen in Hessen“ (Verlag Langewiesche-Königstein). Wann die Besiedelung rund um den Herzberg begann, ist nicht dokumentiert, aber um 1200 bestanden Breitenbach und seine heutigen Ortsteile bereits und gehörten zum Dörnbergschen Lehen und Gericht. Wie damals üblich, umfasste die Macht der Burgherren sowohl das soziale als auch das politische und religiöse Leben ihrer Untertanen. Hermann von Dörnberg hatte in Wittenberg studiert und Martin Luther kennengelernt.

Dessen Lehren begeisterten den Adelsherren so sehr, dass er ihn 1521 zum Reichstag nach Worms begleitete und mit Erlaubnis seines Freundes und Landesherren, Landgraf Philipp der Großmütige, 1523 sein Lehensgebiet reformierte. Erst drei Jahre später führte der Landgraf durch die Homberger Synode die Reformation in ganz Hessen ein. Kirchen gab es zu dieser Zeit nur in größeren Ortschaften oder Marktflecken. Die Bewohner der heutigen Großgemeinde Breitenbach am Herzberg besuchten seit 1502 das Gotteshaus in Breitenbach. Erst gut 200 Jahre später erhielt auch Gehau eine Kapelle.

Laut einer Kirchenrechnung steuerte das Kirchspiel Hatterode in 1712 Geld zum Bau dieser Kirche bei. In späteren Aufzeichnungen wird sie als „Bethaus inmitten des Totenhofs“ bezeichnet.

„Etwa im Jahr 1930 wurde unsere Kirche zum ersten Mal gestrichen“, erzählt Georg Stiebing, „vorher war sie innen nur gekalkt. Einige Jahre später bekam sie die Bänke und Ende der 50er Jahre wurde das Dach neu gedeckt und der Turm mit Kupferblech beschlagen.“ Anstelle einer Orgel steht unter der Empore ein Harmonium mit Blasebalg und in der Mitte des Raumes baumelt das Glockenseil.

Gebäude ohne Strom

Zu Beerdigungen, Silvester oder einem der seltenen Gottesdienste läutet der 80-jährige Gehauer per Hand. Strom gibt es in dem denkmalgeschützten Gebäude nicht. Dennoch hängen die Einheimischen an ihrer Kirche und erweisen ihr hin und wieder mit einer Taufe oder Trauung ihre Reminiszenz.

Dann wird das kleine Gotteshaus festlich herausgeputzt und entfaltet einen ganz eigenen Charme, als wolle es sich bei all den fröhlichen Menschen für die ungewohnte Aufmerksamkeit bedanken.

Von Dagmar Urban

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