Zu einer Schausteller-Konfirmation kamen Gäste aus vielen Teilen Deutschlands nach Ziegenhain

Drehorgel statt Glockengeläut

Konfirmation im großen Familienkreis: Gino Geibel (Mitte, Ziegenhain) und Louis Oberschelp (Kassel) wurden vom Schausteller- und Zirkusseelsorger Volker Drewes eingesegnet. Foto: Quehl

Ziegenhain. Der Konfirmationsgottesdienst unterschied sich in seinem Ablauf nicht von anderen, abgesehen von der Drehorgelmusik vielleicht. Trotzdem war die Einsegnung der Schaustellerjugendlichen Gino Geibel (Ziegenhain) und Louis Oberschelp (Kassel) in der Schwalm nicht unbedingt alltäglich. 160 Gäste, die aus vielen Teilen Deutschlands angereist waren, kamen dazu im Festsaal des Hotel Rosengarten zusammen.

Pfarrer Volker Drewes aus Bad Hersfeld begrüßte „die reisende Gemeinde aus ganz Deutschland“. Drewes, von Haus aus Klinikpfarrer in Bad Hersfeld, hat auch einen landeskirchlichen Auftrag als Zircus- und Schaustellerseelsorger, und ist vielen Schaustellerfamilien seit fast 30 Jahren ein nahestehender Begleiter. So hat Drewes auch Sabrina und Daniel Geibel, die Eltern des Konfirmanden Gino, getraut, ihre beiden Söhne getauft.

Viele Schausteller halten seit Generationen Kontakt zu Drewes, der schon voller Freude die nächsten beiden Großereignisse im weiten Kreis der reisenden Familien ankündigte, nämlich zwei Trauungen im kommenden Frühjahr. „Das ist uns hier sehr wichtig“, sagte nach dem Gottesdienst Daniel Geibel, „es ist Tradition und unterstützt den Zusammenhalt“. Seit einem Jahr planten die Geibels das Konfirmationsfest zusammen mit der Familie Oberschelp, Betreiber des Fahrgeschäfts High Impress. Louis Oberschelps Mutter ist eine Cousine von Daniel Geibel, der aus einer Göttinger Schaustellerfamilie stammt. „Man kommt nie ganz weg von der Schaustellerei“, berichtete Geibel außerdem, seine Ehefrau Sabrina ist Spross der Treysaer Schaustellerfamilie Weiher. Trotzdem haben sie einen etwas anderen Weg eingeschlagen, wollen, dass ihre Kinder, anders als sie selbst, durchgängig eine Schule besuchen können. Volksfeste, Rummelplätze und große Märkte sind trotzdem das feste Metier der Geibels, die zum Beispiel Stände beim Weihnachtsmarkt in Kassel betreiben. Daniel Geibel ist als Künstler- und Veranstaltungsmanager etwa bei Hessentagen aktiv, „Schausteller zu sein, ist eine Lebenseinstellung“. Geibels Ur-Ur-Großvater hatte damit begonnen, der war eigentlich Hafenmeister in Berlin und gewann sein erstes Karussell beim Kartenspielen. Geibels Eltern haben ihr Fahrgeschäft inzwischen abgegeben, unterhalten aber noch Süßwarenstände.

Obwohl man sich manchmal eine Zeitlang nicht trifft, sei das Zusammengehörigkeitsgefühl ein ganz besonderes, berichtet auch Seelsorger Drewes: „Ich reise den Menschen hinterher, suche sie auf, wo sie arbeiten.“

Auch ihm steckt das Volksfest ein bisschen im Blut, sein Vater verlud als Eisenbahner Karussells, die einst überwiegend auf der Schiene transportiert worden seien. Seine Arbeit und Verbundenheit mit der reisenden Gemeinde werde mit seiner Pensionierung nächstes Jahr nicht enden, denn die tiefe und ernste Verbundenheit mit den Menschen bleibe bestehen: „Es ist eine sehr große Familie, alle gehören zusammen.“

„Ein normaler Gottesdienst“

Und das Festhalten am Glauben und den christlichen Traditionen sei bei diesen Familien oft ausgeprägter als in anderen Gesellschaftsschichten, so Pfarrer Drewes, der die Unterschiede dennoch nicht so hoch hängen möchte: „Das hier war ein normaler, fröhlicher Konfirmationsgottesdienst.“

Beide Jungen wollten ausdrücklich ihre Konfirmation, bereiteten sich darauf vor. Die Drehorgel könne dann eben auch als Glockengeläut dienen, das Mitklatschen bei den gemeinsamen Liedern sei ausdrücklich willkommen.

Von Anne Quehl

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