Klebt zusammen, Hippies!

BREITENBACH/H. Das Burg- Herzberg-Festival 2012 hat einen Klang. Einen, der noch viel prägnanter ist als die Querflöte von Ian Anderson und die niemals schweigenden Gebetsglöckchen. Das Hippie-Geräusch des Jahres ist ein feuchtes Schlabbern – der obszöne Schmatzlaut bei jedem Schritt, wenn der schlammige Boden widerwillig den Gummistiefel freigibt.

Vor der schweren, nassen Erde, die die Konsistenz von Nutella hat, aber weniger gut riecht, gab es fast nirgendwo ein Entrinnen. Doch obwohl die diesjährige Matschdimension selbst die routinierten Festivalgänger herausforderte, gab sie dem Hippiefest am Fuße der Burg Herzberg auch etwas Besonderes. „Jetzt müssen wir eben noch besser aufeinander aufpassen“, verkündete Veranstalter Gunther Lorz am Samstag von der Hauptbühne. Doch diesen Appell schienen die fast 10 000 Besucher jeden Alters gar nicht nötig zu haben. Wo immer jemand auf dem glitschigen Boden die Balance verlor oder ein Auto auf dem Acker stecken blieb, waren sofort helfende Hände oder der helfende Traktor eines einheimischen Bauern zur Stelle.

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Der Schlamm saß also nicht nur in Haaren, Schuhen und Zelten fest, sondern erwies sich auch als sozialer Klebstoff, der die Herzberg-Gemeinde noch ein bisschen besser zusammenhalten ließ. Auch die Polizei zog am Sonntagnachmittag eine positive vorläufige Bilanz. Einer der Beamten wurde zwar auf dem Festivalgelände offenbar von einer Besucherin getreten. „Ansonsten alles im Bereich des Normalen“, hieß es aus der Bad Hersfelder Dienststelle. Weil das Tanzen schwerfällt, wenn beide Füße im Boden stecken, waren viele der Konzerte in diesem Jahr bedächtiger als gewohnt. Erst Tito Larriva, ganz in Leder gehüllter Sänger der US-Band Tito & Tarantula, erzeugte mit seinen morbiden Filmsongs aus „From Dusk Till Dawn“ oder „Desperado“ am Samstagabend so etwas wie Euphorie.

Da war mal mehr Feuer

Vorher hatte der Auftritt des Jethro-Tull-Frontmanns Ian Anderson eher enttäuscht. Der 65 Jahre alte Rockroutinier spielte mit seiner Begleitband ein technisch einwandfreies, aber leidenschaftsloses Konzert. „Da war mal mehr Feuer drin“, sagt ein älterer Herr mit Rauschebart melancholisch. „Viele der alten Stars sind viel zu satt.“

Daher sind es auch oft die eher unbekannten Künstler, die für die überraschenden Musikerlebnisse des Festivals sorgen. So versammelte die Kombo Strom & Wasser am Samstag schon um die Mittagszeit eine beträchtliche Menge Zuschauer vor der Bühne, wenn normalerweise die Zeltstadt erst langsam erwacht. Für das Projekt Strom und Wasser hat der Liedermacher Heinz Ratz Musiker aus Flüchtlingslagern geholt, um mit ihnen einen Mix aus Rock, Rap und Weltmusik zu spielen. Viele der Künstler sind von der Abschiebung bedroht und haben eine starke Botschaft: „Hier, auf diese Bühne, gehören wir hin.“ Diese Ansage passt zur ganzen Philosophie der Veranstalter: Hier bei uns im Matsch sind alle willkommen.

Burg Herzberg Festival - am letzten Tag im Sonnenschein

„Kauft doch auch bei den anderen“

Natürlich gibt es auch auf dem Burg-Herzberg- Festival 2012 einiges, über das man sich ärgern kann: Die steigenden Preise für Eintrittskarten und Essen zum Beispiel, die manche Besucher nicht mehr wirklich für Hippie-verträglich halten. Oder die Diva-Allüren von Alt- Rocker Ian Anderson, der keine Fotos duldete und eine ganze Wiese sperren ließ – womöglich um sein großes Ego zu parken. Doch dann steht man in der Schlange am Nudelstand und hört folgenden Appell der Verkäuferin: „Holt euch doch bitte auch was an den anderen Ständen, die stehen da auch im Matsch und möchten ihr superleckeres Essen loswerden.“ Vielleicht ist es diese Haltung, die das Breitenbacher Festival ausmacht und jedes Mal besonders bleiben lässt. Man passt aufeinander auf. Und dieses Gefühl bleibt hoffentlich irgendwo kleben, auch wenn der Matsch längst abgewaschen ist.

Von Saskia Trebing

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