Kirchturm-Uhr aus dem Jahr 1895 zeigt den Niederaulaern, welche Stunde geschlagen hat

Beeindruckende Präzision

Matthias Pfaff beim Aufziehen des Schlagwerkes, während Friedrich-Wilhelm Stang den wieder ausgebauten, zu harten, Federstahl zeigt. Foto: Ewald/nh

Niederaula. Am ersten Januar bricht für die Niederaulaer Kirchturmuhr eine neue Zeit an. Ab diesem Datum wird Matthias Pfaff das Uhrwerk offiziell im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde Niederaula aufziehen, warten und pflegen.

Für den Betrieb war aufgrund der historischen Baulastpflicht bisher die Marktgemeinde Niederaula verantwortlich gewesen. Nun wurde diese in einem Vertrag abgelöst. Die Zeit anzeigen wird die Uhr weiterhin für alle Bürger Niederaulas, ob sie nun evangelisch, katholisch, muslimisch oder konfessionslos sind. Die Ziffernblätter zeigen nach vier Richtungen die Stunde an. Ihr Schlag zur halben und vollen Stunde wird in weiten Teilen der Marktgemeinde bei Tag und bei Nacht gehört (und beim Ausbleiben auch vermisst).

Ein auf den ersten Blick kompliziert wirkendes Ineinander von Zahnrädern, Wellen, Drahtseilen und Gewichten läuft selbständig, eine Woche lang und gibt für Augen und Ohren zuverlässig die Zeit an. Für letztgenannte ist das Schlagwerk mit seiner Vorrichtung für zwei Hammerzüge, damit der Halbstundenschlag und der Vollstundenschlag an zwei verschiedenen Glocken erfolgen, tätig. Für die Augen die eineinhalb Meter messenden Zifferblätter.

Bedenkt man das Alter des Uhrwerks, ist seine Präzision beeindruckend. Gut eingestellt, schafft es allein durch die Schwerkraft eine Ganggenauigkeit von weniger als einer Minute Abweichung pro Woche. Dazu bedarf es aber einer fachkundigen Pflege, die im Idealfall nur ein wöchentliches Aufziehen der Gewichte und in größeren Abständen Ölen aller ineinandergreifenden Teile erfordert. Manchmal muss auch die Länge des Pendels oder der Windflügel der veränderten Witterung angepasst werden.

Hackenblech als Federstahl

Von Zeit zu Zeit jedoch stellt die mechanische Kirchturmuhr größere Herausforderungen und fordert volle Aufmerksamkeit. So geschah es jetzt, als der Federstahl des Pendels nach jahrelangem Betrieb wegen Materialermüdung gebrochen war. Da die Uhr ein Fabrikat der Firma Weule in Bockenem, Baujahr 1895, ist und diese schon lange nicht mehr existiert, können Ersatzteile nicht auf normalem Wege beschafft werden. Friedrich-Wilhelm Stang experimentierte mit verschiedenen Materialien, von ortsansässigen Firmen zur Verfügung gestellt, die die Uhr mal zu langsam, mal zu schnell gehen ließen. Bis das Stahlblech einer Gartenhacke dem Pendel und dem Gehwerk wieder zur Genauigkeit verhalf.

Matthias Pfaff steht in der Tradition von Kurt Hofmann, dem 2010 verstorbenen Schreinermeister aus der Querstraße, der die Niederaulaer Kirchturmuhr über 60 Jahre pflegte und betreute. Sogar ein Gedicht hat er „seiner Freundin“ hinterlassen:

„Nun beweg Dich noch manche Rund

und zeig uns Deine Stund.

Denn alle sollen sagen

wir wissen was die Stund geschlagen.“

(Kurt Hofmann im Mai 2008)

Von Werner Ewald

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