Wilhelm Kehl aus Goßmannsrode wurde 106 Jahre

Ältester Bürger des Kreises gestorben

Wilhelm Kehl starb mit 106 Jahren. Unser Bild zeigt ihn mit seinem Meisterstück von 1929, einer Zimmermannsaxt. Foto: Miehe

Gossmannsrode. Bis wenige Wochen vor seinem Tode hat Wilhelm Kehl morgens nach dem Frühstück immer eingehend in der Zeitung geblättert und noch rege am Tagesgeschehen teilgenommen. Insbesondere die Todesanzeigen verfolgte er mit Interesse, kannte er doch viele Leute im Umkreis. Wie viele Anzeigen von bedeutend jünger verstorbenen Bekannten hat er schon gelesen! Nun wurde er im hohen Alter von 106 Jahren in seinem Heimatdorf unter großer Anteilnahme zu Grabe getragen.

Am 18. November 1906 in Goßmannsrode als Sohn eines Schmieds geboren, wuchs Kehl mit einem Bruder und einer Schwester in dem kleinen Dörfchen auf. Eigentlich wollte er Elektriker werden – Anfang der Zwanzigerjahre wurde unsere Region an das Stromnetz angeschlossen –, aber er sollte in den Beruf des Vaters und Großvaters einsteigen und so erlernte er den Beruf des Huf- und Wagenschmieds, und zwar ohne ein Lehrgeld zu erhalten. 1929, also vor über 80 Jahren, legte er auch seine Meisterprüfung ab und konnte so vor einigen Jahren ein ganz seltenes Berufsjubiläum feiern.

Anfangs bestand seine Hauptarbeit darin, die Pferde und Fahrkühe der Bauern mit Hufeisen zu beschlagen. Seit Mitte der Dreißigerjahre nahm er aber den Handel mit Landmaschinen auf, zeichnete sich doch eine zunehmende Technisierung der Landwirtschaft ab. Und so arbeitete er sich auch autodidaktisch in die anfallenden Reparaturarbeiten der Maschinen ein. In den Fünfzigerjahren kam auch der Handel mit Schleppern dazu.

Außer dem Landmaschinenhandel hatte Wilhelm Kehl seit den Dreißigerjahren auch den Handel mit Fahrrädern und Motorrädern aufgenommen. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg kaufte er sich als erster von Goßmannsrode übrigens auch ein Auto. Ende der Fünfziger Jahren entdeckte er im Verkauf von Waschmaschinen, Kühlschränken und anderen Haushaltsgeräten Marktlücke und richtete auch Bäder ein. So stellte er sich im Laufe seines Berufslebens immer wieder auf neue Arbeiten ein.

Neues Hobby mit 90

1966 übergab er den Betrieb schließlich an seinen Sohn Hans, aber zur Ruhe setzte er sich noch lange nicht. Bis ins hohe Alter machte er sich im Handwerksbetrieb, den später sein Enkel Georg zu einer Bauschlosserei umstrukturiert hatte, nützlich. Ja, im Alter von 90 Jahren begann er noch ein neues Hobby und fing an zu drechseln. „Wer rastet, rostet“ war sein Motto.

Zu Altennachmittagen ist er aber nie gegangen – was soll ich bei all den alten Leuten, meinte er. Gegessen hat er immer, was ihm schmeckte, vor allem Honig, und geschlafen hat er im Alter auch gerne lange. Aber ein Geheimtipp für ein langes Leben konnte er keinem geben. Vielleicht lag das Geheimnis unter anderem darin, dass er auf ein harmonisches Familienleben Wert gelegt hat. Seine erste Frau Margarete schenkte ihm drei Kinder, starb aber bereits 1967. Danach fühlte er sich von der zweiten Frau Elise gut versorgt - diese starb aber auch schon Jahre vor ihm. Sieben Enkel, zwölf Urenkel und drei Ururenkel zählen zu seiner großen Familie, in die er bis zum Tode eingebunden war.

Von Brunhilde Miehe

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