Wochenendporträt: 86-Jähriger lässt das Stellmacher-Handwerk wieder aufleben

Karl Braun hat ein Händchen fürs Holz

Karl Braun (86) aus Mühlbach lässt in seiner Werkstatt das Stellmacher-Handwerk wieder aufleben, aber auch kleine Schubkarren fertigt er an (Bild rechts). Fotos: Maaz

Mühlbach. Sägen, drechseln, leimen: Wenn Karl Braun aus Neuenstein-Mühlbach in seiner Werkstatt hinter dem Haus werkelt, lässt er auch ein fast ausgestorbenes Handwerk wieder aufleben. Denn zurzeit arbeitet der 86-Jährige an einem Wagenrad aus Eiche und Buche. Und solche Räder – sowie andere hölzerne Geräte der Landwirtschaft – wurden früher von sogenannten Stellmachern angefertigt.

1944, während des Krieges, begann Braun mit 15 Jahren seine Lehre als Stellmacher – zunächst in Homberg/Efze, später setzte er die Ausbildung in Raboldshausen fort. „So konnte ich abends noch auf dem Hof helfen“, erklärt der Mühlbacher, dessen Vater damals noch in Gefangenschaft war. Auch er war Stellmacher.

Eine lange Zukunft hatte das Handwerk aber nicht. „Als um die 50er-Jahre die ersten Schlepper eingesetzt wurden, hatten auch die Holzwagen in der Landwirtschaft bald ausgedient“, erklärt der Mühlbacher. Sie wurden durch Eisen- oder Metallwagen ersetzt.

Fortan verdiente Braun auf dem Bau sein Geld, wo er sich von der Hilfskraft bis zum Kranführer hocharbeitete. Weil es im Winter nichts zu tun gab und die Familie größer wurde, wechselte Braun schließlich zu einem Glasgroßhandel, wo er bis zur Rente blieb. „Mit 58 musste ich aus gesundheitlichen Gründen aufhören“, berichtet der Senior. Um eine Beschäftigung zu haben, begann er, eine Werkstatt einzurichten und wieder mit Holz zu arbeiten.

Unzählige Werkzeuge und einige Maschinen haben sich über die Jahre in der Scheune angesammelt, in der es dank eines kleinen Holzofens auch im Winter mollig warm ist.

Schnell hatte der Hobby-Schreiner allerhand private Aufträge und auch für den eigenen Haushalt, Jahrfeiern oder Handwerkermärkte arbeitete Braun. Schubkarren für Blumentöpfe, Vogelhäuschen, Regale, Kerzenständer, Schränke, Tische und Stühle fertigte er zum Beispiel an.

„Vieles habe ich mir selbst beigebracht, denn mit Möbelstücken hatte man als Stellmacher ja nichts zu tun“, erklärt der Mühlbacher. „Zurückgegeben hat bisher niemand etwas“, folglich müsse die Qualität trotzdem gestimmt haben, verrät er lachend. Das Holz bekommt Braun zum größten Teil aus den heimischen Wäldern oder auch mal aus dem Baumarkt. Inzwischen lässt es der 86-Jährige etwas ruhiger angehen, aber solange der Gesundheitszustand es zulasse, wolle er auch weiter werkeln.

Wenn das Wagenrad – das als Zierde für das Törchen zum Haus gedacht ist – fertig ist, steht schon das nächste Projekt an: ein kleiner Hocker.

Wieviele Stunden er pro Woche in seinem Hobbyraum verbringt, kann der 86-Jährige nicht genau sagen. Aber er versichert: „Meine Frau vernachlässige ich deshalb nicht.“ (nm)

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