Holzkonstruktion, Dach und Innenputz der Reiloser Kirche wurden erneuert

Mit Wellen und Dellen

Vor wenigen Tagen: Bauleiter Gerhard Habermehl, Ingrid Habermehl und Karin Hildebrand (von links) bringen das in alter Frische erstrahlende Kircheninnere auf Hochglanz. Nicht dabei sind Lieselotte Apel und Küsterin Monika Hess, die kräftig mitgeputzt haben. Fotos: Apel

REILOS. Wenn morgen um 11 Uhr das möglicherweise rund 1000 Jahre alte Kirchlein von Reilos mit einem festlichen Erntedankgottesdienst wieder in Betrieb genommen wird, dürfte Bauleiter Gerhard Habermehl ein letzter Stein vom Herzen fallen. Denn bei den seit April 2003 geplanten und seit Juni 2012 laufenden Renovierungsarbeiten hat er so manche Überraschung erlebt.

Dabei hätte dem immer wieder als St.-Gallus-Kapelle bezeichneten Gotteshaus und den Verantwortlichen der Kirchengemeinde Friedlos, zu der Reilos kirchlich seit Jahrhunderten gehört, nichts Besseres passieren können als der seit vielen Jahren in Reilos verheiratete Bautechniker. Beim Staatsbauamt Bad Hersfeld, seiner früheren Arbeitsstelle, war er insbesondere für Instandsetzung und Unterhaltung von denkmalgeschützten Gebäuden zuständig. Bei den jetzt anstehenden Arbeiten konnte er all seine Erfahrung einbringen.

Es waren nicht gerade wenige Arbeiten. Angefangen bei der Sanierung der an vielen Stellen maroden Holzkonstruktion, die nach Freilegung und Überprüfung nach alter handwerklicher Art mit Eichenholz erneuert und ergänzt wurde, bis hin zur Neueindeckung des Daches. Insbesondere der Deckenaufbau hatte es in sich, verläuft doch die Decke nur 1,25 Meter breit waagrecht. An den sich anschließenden Seiten wird sie von gerundeten Kopfbändern gehalten, die bebeilt, also ohne Sägeschnitt, hergestellt waren, und die auch jetzt wieder, soweit sie erneuert werden mussten, in dieser Technik hergestellt und angebracht worden sind. In die ebenfalls bebeilten Fugen wurden Staken eingesteckt, die oberseitig – zum Dach hin – mit Stampflehm aus vorhandenem Lehm und neuem Lehm (Glattstrich) abgedichtet wurden. Unterseitig erfolgte das Ganze mit Schilfrohrmatten im Wechsel mit Lehmputz als Ausfachung. Damit sich alles richtig verbindet, kamen Edelstrahlschrauben zum Einsatz. „Im Chorraum musste das zum Teil sogar doppelt gemacht werden, um Ungleichmäßigkeiten auszugleichen!“, berichtet Gerhard Habermehl, der 26 Seiten lang Bautagebuch geführt und ganz viele Arbeitsschritte fotografisch dokumentiert hat.

Uralte Stockrosenblüten

Da der Lehmputz bis in den Sockelbereich der aus Feldsteinen erbauten Kirche herabreicht und der Putz „total mürbe“ war, musste nicht nur der Anstrich entfernt, sondern auch der Lehmputz abgehackt werden. Dabei stellte sich heraus, dass das Mauerwerk erhebliche, zum Teil 40 Zentimeter tiefe Gefügerisse aufwies. Das hatte zur Folge, dass das Mauerwerk „kraftschlüssig verbunden“ – mit passgenauem Druck mit einem speziellen, homogenen Kalkstein-Mörtel torkretiert – werden musste. Insgesamt wurden 28 laufende Meter Risse torkretiert, was einen auch zeitlich erheblichen Sanierungsmehraufwand bedeutete, und was die Kosten des Gesamtprojekts auf 185 000 Euro ansteigen ließ. Rund 10 000 Euro davon haben die Reiloser durch Spenden refinanziert.

Zu den Kuriositäten der Kirchensanierung gehört, dass Reste einer alten Uhr gefunden wurden, und dass bei der Überprüfung der Deckenkonstruktion entdeckt wurde, dass ein Zwischenraum mit uralten Stockrosenblüten gefüllt war. „Mit welch einer Mühe müssen die gesammelt worden sein!“, stellt der seit vielen Jahren als Kirchenvorsteher engagierte Bauleiter bewundernd fest.

Ihm fiel auch auf, dass ein im Eingangsbereich der Kirche vorhandener Kragarm einen ohne Auflage befestigten Deckenbalken hielt, auf dem – auf der Empore – eine Last von 1,8 Tonnen ruhte! Inzwischen wurde Abhilfe geschaffen. Und da, wo noch immer Wellen und Dellen sichtbar sind, hat alles seine Richtigkeit. Die dem Fortschritt geschuldeten Leitungen sind unter Lehmputz versteckt.

Von Wilfried Apel

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