Wochenendporträt: Die Mandoline im Herzen

Jutta Otto musste 36 Jahre auf ihr Lieblingsinstrument warten

Heimspiel: Jutta Otto tritt morgen mit dem Mandolinenorchester Weiterode in ihrem Heimatort Mecklar auf. Foto: Apel

Mecklar. Wenn morgen die rund dreißig Zupfer und Zupferinnen des seit 91 Jahren bestehenden Weiteröder Mandolinenorchesters zum ersten Mal zu einem Frühlingskonzert in der Mecklarer Kirche aufspielen, hat Jutta Otto ein Heimspiel. Seit 16 Jahren wirkt sie in der vom Bebraer Obermusikus Igor Karassik geleiteten, in ganz Nordhessen bekannten Truppe mit.

Vor bald 55 Jahren sah es allerdings so aus, als wäre die Liebe der Ludwigsauerin zur Musik für immer zu Bruch gegangen. Mit den aus dem Sudetenland geflüchteten Eltern aus der Nähe von Homberg (Efze) nach Treysa gezogen, hatte sie bei einem sehr netten Lehrer, der ihr ein Instrument zur Verfügung gestellt hatte, das Mandoline-Spielen erlernt und gute Fortschritte gemacht. Kurz vor Weihnachten stand ein Auftritt in einem Altenheim an, Jutta hatte sich fein gemacht, Pumps mit „Stöckelabsätzen“ angezogen – da geschah, was geschehen „musste“: Die 14-Jährige stolperte, fiel in den Schnee und der Schaft ihrer Mandoline brach nach innen weg. „Das war’s dann wohl“, dachte sie sich, tief-traurig über den Verlust des geliebten Zupfinstruments.

Die Zeit verging: Nach Beendigung der Schule absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung als Kinderpflegerin, der besseren Verdienstmöglichkeiten wegen im Anschluss daran auch noch eine Ausbildung als Telefonistin, und nach Stationen in Gießen, Treysa, Kassel und Frankfurt (wo sie auf der damals sehr großen Telegrammstelle arbeitete), blieb sie schließlich in Kassel hängen. Dort heiratete sie, dort brachte sie ihre Tochter Tatjana zur Welt, und dort gab sie 1971 auch ihrem jetzigen Ehemann Joachim das Ja-Wort. Den verschlug es beruflich 1974 nach Bad Hersfeld, was dazu führte, dass Jutta, die seit 1971 in einem Kasseler Krankenhaus wieder in ihrem „ersten“ Beruf als Kinderpflegerin gearbeitet hatte, mit ihm zog. Auf der Säuglingsstation des Kreiskrankenhauses fand sie ihre Erfüllung –zunächst im Nachtdienst, später im Tagdienst, bei dem sie in die Aufgaben einer Kinderkrankenschwester hineinwuchs. 33 Jahre lang arbeitete sie im Klinikum am Wendeberg, und als Schwester Jutta dürfte sie vielen kleinen Patienten in guter Erinnerung sein.

In ihrem Freundeskreis fiel immer wieder auf, dass sie, wenn alle in trauter Runde zusammensaßen und Musik hörten, sehr oft sagte: „Das hätte ich auf meiner alten Mandoline auch spielen können!“ Irgendwann „schaltete“ einer, und am 50. Geburtstag erlebte Jutta eine bis zuletzt geheim gehaltene Überraschung: Sie durfte ein Päckchen auspacken, in dem sich eine für sie bestimmte neue Mandoline befand. Später vermittelte ihr ihre damalige Mecklarer Nachbarin Gertrud Blum den Kontakt zum Weiteröder Mandolinenorchester, wo sie sehr gut aufgenommen wurde und wo sie inzwischen zu den Stammspielerinnen gehört. „Am Anfang habe ich einmal so intensiv geübt, dass ich meinen Arm nicht mehr bewegen konnte“, erzählt sie schmunzelnd.

Besonders gern mag Jutta Otto russische Stücke und die „Traumreise nach Griechenland“ – auch wenn es die Mandolinenspieler aus dem Ulfedorf eher nach Spanien zieht, wo sie – wie überall – für ihr „deutsch“ gespieltes und auch am Sonntag auf dem Programm stehendes Stück „Recuerdos de la Alhambra“ bekannt sind.

Von Wilfried Apel

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