Die Neuensteiner Pfarrer schreiben mit einem Schlagergottesdienst Geschichte

Glaubensfroh im Schloss

Pfarrer Michael Zehender (links) und Pfarrer Florian Wagner: Mit einem weit und breit einmaligen Schlagergottesdienst haben sie „halb Neuenstein“ zum Wahrzeichen der Gemeinde am Knüll gelockt. Fotos: Apel

Saasen. Hoch oben scheint man Gott ein Stückchen näher zu sein. Zumindest in Neuenstein. Denn aus allen Gemeinden des Kirchspiels strömen am Sonntag Menschen auf Schloss Neuenstein, um gemeinsam mit ihren Pfarrern Michael Zehender und Florian Wagner einen Schlagergottesdienst zu feiern.

Der eine oder andere scheint skeptisch zu sein und zu überlegen, was da wohl wieder auf ihn zukommt. Man ist ja „einiges gewöhnt“ von dem „Schwarzkittel aus dem Kohlenpott“ und seinem jungen Kollegen. Aber schon am Eingang zum Schlosshof wird man von den beiden Pfarrern freundlich begrüßt. Der Andrang ist groß, und deshalb hilft sogar Bürgermeister Walter Glänzer beim Schaffen weiterer Sitzgelegenheiten.

Schließlich geht es los. Aber es ist nicht der Organist, der für den musikalischen Beginn des Gottesdienstes sorgt, sondern Jens Jürgens. „Für dein Lächeln tu ich alles!“, singt der bekannte Schlagersänger aus Obergeis, und Pfarrer Zehender fragt seine „Schlagergemeinde“: „Passt das zu Kirche? Gibt es gar eine Verbindung zwischen Schlager- und Bibeltexten?“ Er zitiert Helene Fischer: „Wer ist schon fehlerfrei. Meine Macken sind genau wie ich, wenn du sie kennst, kennst du mich!“ Und er verweist auf Gott, „der uns kennt und der uns mit unseren Fehlern nicht allein lässt“.

Pfarrer Wagner verliest die Paradiesgeschichte, Jens Jürgens singt von den Kindern der Erde, den vereinten Menschen, und erhält dafür starken Applaus.

Oase zum Abschalten

In der sich anschließenden Dialogpredigt werfen sich die beiden Pfarrer die Bälle zu. Zehender beklagt, dass es viel zu viele Leute gebe, die kritisieren, ohne auf die Texte der Schlager zu hören oder in der Bibel nachzulesen: „Wieviel entgeht uns da?“ Wagner ermuntert dazu, sich auf beides einzulassen und in eine heilere Welt, in eine Oase zum Abschalten, einzutauchen.

Aber sowohl er als auch Zehender verweisen auf den Unterschied: „Der Schlager will keine dauerhaft tragfähigen Lösungen anbieten, Kirche und Glaube dagegen zielen über das Leben hinaus: Gott geht mit uns und trägt uns, nicht nur in glücklichen, durch Schlager versüßten Momenten!“ Oder, wie Udo Lindenberg es ausdrückt: „Hinterm Horizont geht’s weiter!“

Wer gedacht hat, dass nach dem dann folgenden, mit Schlagertiteln „gewürzten“ Gebet und dem Segen alles zu Ende ist, sieht sich angenehm getäuscht. Pfarrer Zehender kündigt im weit und breit ersten Schlagergottesdienst eine Welturaufführung an: „Ich hab’s versprochen. Wer nicht da ist, ist selber schuld, und wir können auch nicht bei allen gleichzeitig Seelsorge machen!“

Zehender und Wagner singen, unterstützt vom Obergeiser Posaunenchor, nach dem Megahit „Atemlos“ von Helene Fischer, neu getextet und mit Zugabe-Rufen bejubelt: „Glaubensfroh in Neuenstein, jeder will hier bei uns sein. Glaubensfroh, voll dabei, Kirche ist der letzte Schrei.“

Von Wilfried Apel

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